Leseprobe aus „Im Spiegel der anderen“

Einband

ACR "Im Spiegel der anderen"

Drei Monate vor ihrem Umzug hat sie die Gelegenheit eines Vormittags genutzt. Der Sohn ist in der Schule, Georg setzt die Überstunden einer Doppelschicht ab. Respektvoll wahren er und Anna die Gewohnheiten, halten sich an bewährte Rituale. Sie frühstücken gemeinsam, aber wortlos, der Tisch im Speisezimmer ist üppig gedeckt. Georg isst immer zuerst ein Leberwurstbrötchen.

Bei der obligatorischen Zigarette zum letzten Kaffee hebt sie den Blick.

„Bitte höre mir kurz zu. Zwischen uns ist alles besprochen, die organisatorischen Fragen sind geklärt. Ich würde es gern vermeiden, aber wir müssen mit dem Jungen reden. Er hat ein Recht darauf, zu erfahren, wie sich sein Leben ändern wird.“

„Du willst das tatsächlich durchziehen, ohne Rücksicht auf Verluste“, wendet Georg ein. Sie sucht seinen Blick.

„Ja, um weitere Verluste zu vermeiden.“ Er schaut an ihr vorbei, steht auf und verlässt wortlos den Raum. Diese Reaktion kennt sie, miteinander reden war noch nie beider größte Begabung. Die Erhaltung eines inzwischen zweifelhaft gewordenen Friedens ist weiterhin oberstes Gebot ihres Mannes. Mit eisernem Schweigen wird jede Auseinandersetzung, infolgedessen die Auflösung jeglicher Unzufriedenheiten, unterbunden. Seit Jahren zieht er sich zurück, sobald ihm etwas nicht gefällt. Die acht Zimmer der Wohnung bieten dazu schrankenlose Möglichkeit.

Seit ihrer Trennungsankündigung ist sie ihm zuweilen verzweifelt nachgelaufen und hat das Gespräch gesucht. Dann entgegnete er stets regelrecht zickig, keine Lust zum Diskutieren zu haben und behauptet später sogar, sie suche Streit. Vor allem dies verschließt ihr gewöhnlich den Mund. Sie ist zu stolz, sich Streitsucht andichten zu lassen.

Darauf spekuliert er. Sein Verhalten ähnelt einer Erpressung. Es verlangt Rücksicht und das Hinausschieben auf eine günstigere Gelegenheit. Gibt Anna nach, gelingt ihm zuverlässig die Flucht. Ihre Rücksicht wird zum gegenseitigen Betrug. Inzwischen weiß sie, geht es darum, sich bedingungslos auseinanderzusetzen, ist ein objektiv richtiger Zeitpunkt nie zu finden.

Deshalb steht sie an diesem Morgen auf, folgt ihm und öffnet die Küchentür. Georg wischt sich schnell mit dem Handrücken über die Augen. Ein sicheres Zeichen, er hat wieder geweint. Annas Herz ist schwer, sie fühlt sich schuldig und im Recht zugleich.

„Seit Jahren verziehst du dich in die Küche, statt mit mir zu reden. Wir dürfen uns gerade jetzt nicht länger totschweigen. Bisher hat Philipp nichts gemerkt. Mit jedem Tag, an dem wir ihm vorspielen, es sei alles in bester Ordnung, belügen wir ihn. Bitte, lass mich nicht einfach allein, Georg.“ Sie spricht sehr leise und befürchtet, er werde sie nicht verstehen. Er hat sehr wohl gehört. Es ärgert ihn, sich so ausgeliefert zu fühlen. Anna bleibt nahe der Tür. Er müsste sie wegschupsen, um an ihr vorbei zu kommen. Handgreiflich ist er nie geworden, wenngleich er in den letzten Wochen des Öfteren die Hände in der Hosentasche zur Faust geballt hat. Es bleibt ihm nichts übrig. Er muss sich äußern.

„Nicht ich lasse dich allein. Du scheinst zu vergessen, du verlässt mich nach so vielen Jahren und nimmst mir auch noch meinen Sohn weg.“

„Ach bitte, wir haben nun schon hundertmal darüber gesprochen. Ich nehme ihn dir nicht weg, wir werden nur getrennt wohnen. Du bist sein Vater, ein wunderbarer noch dazu, niemand kann euch trennen.“

„Du immer mit deinem höflichen Bitte! Das macht es auch nicht besser! Du bist die Undankbarkeit in Person! Was habe ich nicht alles für dich getan! Und nun? Ich bin der, der übrig bleibt, aber mir bleibt nichts übrig.“ Er dreht sich zum Fenster.

In den letzten Monaten zeigt er ihr oftmals den Rücken. Mit leiser werdender Stimme besteht er auf Klarstellung: Das Leben werde sich nicht ändern, sondern Anna ändere es. Dies sei ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. „Und wenn du die Dinge bestimmst, sage das auch unserem Sohn selber!“ Sie ist unsicher.

„Du hast also nichts dagegen, wenn ich mit Philipp spreche?“ Er schlägt mit der flachen Hand ans Fenster.

„Doch! Ich habe etwas gegen diesen Irrsinn, aber das interessiert dich ja nicht! Du hast beschlossen, was aus uns wird. Nun mach ihm das auch alleine klar!“ Gleich darauf haucht er an die Scheibe. Ein matter Fleck entsteht. ‚Vorgestern quäle ich mich bis in den späten Abend mit dem Fensterputzen, nebenbei Gardinenwaschen und wieder aufhängen. Und jetzt mache ich die ersten Tatscher schon wieder“, denkt er. Seine heftige Unachtsamkeit wurmt ihn. ‚Muss ich denn ausgerechnet die Scheibe anfassen? Ich hätte genauso gut gegen den Rahmen klopfen können. Wenn das ganze Leben in Scherben fällt, müssen die Leute nicht noch denken, es läge an der Unordnung in der Wohnung.’

Georg schaut sich selbstvergessen um, greift ein Küchentuch und poliert seinen Spuren vom Fensterglas. Es gibt auch in Zwangslagen Prioritäten für ihn. Solange der Abdruck noch nicht fest ist, lässt er sich leichter wegputzen. Wenn er einmal dabei ist, wischt er gleich das Fensterbrett ab. ‚Dieser Staub, wo der nur herkommt?’

Anna glaubt, nicht mehr atmen zu können, wendet sich ab, verlässt die Küche und schließt leise die Tür hinter sich.

‚Genau das treibt mich weg! Ich kann dieses Hausfrauenverhalten nicht mehr ertragen’, denkt sie und findet erneut Bestätigung. ‚Ich muss uns voreinander in Sicherheit bringen! Irgendwann stellt er die Stühle auf den Tisch, um nicht vorhandene Fussel aufzusaugen, ohne zu merken, ich sitze auf einem und hebt sich einen Bruch.’ Geschirrklappern dringt durch die Küchentür. Georg räumt auf.

Später kommt der Sohn aus der Schule, öffnet die Bürotür, begrüßt seine Mutter mit einem langen Kuss und verschwindet, nach dem lebhaften Bericht über einen Streit zwischen Lehrern und Schülern, in seinem Zimmer. Bald steht Georg im Arbeitszimmer.

„Das Essen ist fertig, deine Lieblingssuppe und Salat. Kommst du, damit es nicht kalt wird.“

Seine Fähigkeiten, Situationen schlicht auszublenden und damit ungeschehen erscheinen zu lassen, ersticken Anna. Wie in den vergangenen Jahren folgt sie ihm ins friedliche Vergessen. Philipp freut sich über die leckere Suppe, isst eine doppelte Portion Salat und erzählt von Schule, Freunden und dem Plan, am kommenden Samstag wieder ein Tor zu schießen.

„Ach“, Georg wendet sich direkt an Anna, ohne sie anzusprechen. „Ich habe den Knopf von der weißen Bluse im Flusensieb gefunden. Sie ist frisch gestärkt und gebügelt, du kannst sie wieder anziehen.“

„Danke sehr“, sagt sie und möchte schreien: Er solle aufhören, den Butler zu geben. Die Wichtigkeiten ihres Zusammenlebens lägen seit Jahren in der Aufzählung aller Banalitäten des Haushalts, der längst nicht mehr ihrer ist. Diszipliniert löffelt sie schweigend den Rest ihrer Suppe. Der Sohn plaudert weiter. Papa holt mit geheimnisvollem Gesicht eine Überraschung aus der Vorratskammer.

„Schokoladenpudding! Oh, das ist prima!“, jubelt der Junge. Mit Genuss isst er auch Mamas Portion. Eine warme, wohlige, friedliche, heimische Lebhaftigkeit verbreitet sich. Beträte ein Fremder den Raum, das Familienglück entzückte ihn.

Abends, der Sohn schläft längst, kommt Georg in ihr Zimmer und fragt:

„Was soll ich morgen Schönes kochen? Bevor ich zur Spätschicht gehe, können wir noch in Ruhe essen. Für Philipp wärmst du`s dann einfach auf, wenn er aus der Schule kommt.“

Er ignoriert weiterhin stoisch die Wirklichkeit. Anna muss handeln. Dieses Leben ist so wunderbar, sie hält es nicht mehr aus.

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