Leseprobe aus: „Im Spiegel der anderen“

51o7XniB+YL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-arrow-click,TopRight,35,-76_AA300_SH20_OU03_Außer zu ihrem Mann und ihrem Sohn pflegt Anna derzeit nur Kontakt zu Heidemarie, ihrer besten Freundin. Allen anderen Bekannten und Verwandten gegenüber bleibt sie passiv. Die kennen ihre E-Mail-Adresse und Handynummer. Auf diese Weise kommt niemand in die unangenehme Lage eines Lobbyisten.

Erfahrungsgemäß teilen sich Bekanntenkreise unaufgefordert und unbegründet in zwei Lager, sobald sich Beziehungen auflösen. Anna versteht dies nicht. Gleichwohl will sie keine Nahrung dafür liefern.

Die Freundinnen kennen sich seit zwölf Jahren und sind sehr vertraut. Ihre Ehemänner ähneln sich in den Charakteren: Nicht besonders kontaktfreudig, lieber nur in gewohnter Umgebung. Jeder ist auf die eigene Familie fokussiert. Georg buddelt heute noch mit dem Sohn im Garten und schraubt am Auto. Erwin hat mit seinen vier Töchtern Klavier gespielt und über Bücher geredet. Die Töchter sind inzwischen erwachsen, aus dem Vater wurde der Opa, der nun mit neun Enkeln Musik macht und ihnen vorliest. Georg findet keinen Bezug zum Großvatersein, obschon er zehn Jahre älter als Erwin ist. Das gegenseitige Interesse der Männer bleibt fortdauernd gering.

Die Frauen wollen die beiden nicht zwangsbefreunden. Sie genießen ihre besondere Nähe. Die bewährt sich jetzt, wenngleich die eine nicht begreift, wieso die andere eine lange und friedliche Ehe unbedingt beenden muss.

Heidemarie ist über fünfunddreißig Jahre verheiratet. Im Gegensatz zu Anna trägt sie das Haar raspelkurz. Mit Farbe kann sie nicht warmwerden und akzeptiert seit Langem grauen Fäden in ihrem ansonsten Straßenköterblond. Sie ist gute zehn Zentimeter größer als Anna und mindestens acht Kilogramm leichter, bevorzugt sportliche Kleidung: Jeans und Pullover oder T-Shirts. Bei speziellen Anlässen trägt sie Hosenanzüge. Sie behauptet stur, kein buntes Wesen zu sein und verweigert mittels dieser Pauschalaussage ohne Ausnahme Röcke und Kleider. Lippenstift und Mascara taugen nach ihrem Gusto nicht einmal zu Dekoration des Badezimmers. Ihre Fingernägel kürzt sie mit einem Kneifer, sie sei fürs Feilen nicht geduldig genug und außerdem nur Hausfrau. Heidemarie ist belesen, wie man so schön sagt. Sie frisst Bücher nahezu und hat ständig mindestens zwei im Gepäck. Vorzugsweise ist sie zuhause, fährt aber regelmäßig zu ihren Kindern oder Anna und mit ihrem Mann in Urlaub.

Anna hingegen, ist aus geschäftlichen Gründen jahrelang in Europa unterwegs gewesen. Ihr Wissensfundus speist sich neben dem Lesen, aus ihrer ungewöhnlichen Beobachtungsgabe und vielschichtigen Lebenserfahrungen. Beide Frauen sind eloquent, jedoch ist Heidemaries Ausdrucksweise scheinbar wahllos. Sie nimmt Worte in den Mund, die Anna nicht mal denken würde.

Sie passen, unter dem Gesichtspunkt einer Freundschaft, in keinem Lebensbereich zusammen. Das macht wohl ihre ungewöhnliche Verbindung aus. Gegensätze, so heißt es, ziehen sich an. Brauchte es jemals dafür einen Beweis, die beiden Frauen verkörpern ihn.

Seit Jahren nimmt Heidemarie regelmäßig eine Auszeit und sucht sich amouröse Abenteuer. Dafür hat sie eine Auswahl nicht gerade alltagstauglicher Röcken und Blusen im Kleiderschrank verborgen. Mitunter besucht sie weit entfernt von ihrem Wohnort Swingerklubs oder Fetischpartys. Meist trifft sie sich mit ebenfalls verheirateten Männern zu wildem Sex. Ist sie von fremder Haut enttäuscht, nimmt sie sich das übel. Bei genauer Betrachtung nimmt sie es ihrem Mann übel. Der ist allerdings ahnungslos und überzeugt, mit einer sexuell bedürfnislosen Frau zu leben. Sie bemüht sich, an seinem Eindruck nichts zu ändern, erfindet passende Legenden, warum sie nicht zuhause ist und wirft ihm wortlos vor, fremdgehen zu müssen.

Sobald Heidemarie die Decke auf den Kopf fällt, so nennt sie den Grund für die erotischen Ausflüge, veröffentlicht sie im Internet eine Anzeige. Unter den Zuschriften behagt ihr mindestens eine immer. Sie vertritt den Standpunkt:

„Ich kann nicht verstehen, warum Ehen beendet werden müssen, nur weil die Luft raus ist. Eine Trennung kommt für mich auf keinen Fall in Frage.“

Die unterschiedliche Einstellung zu dem Thema lassen sie sich gegenseitig. Sie wohnen knapp vierhundertfünfzig Kilometer voneinander entfernt. Regelmäßige Besuche scheitern an der geografischen Distanz. Dafür telefonieren sie oft. Sporadisch gleiten Gespräche in philosophische Ebenen, und sie wissen am Ende nicht mehr, worüber sie am Anfang gesprochen haben. Bisweilen füllen Banalitäten, wie Marmelade kochen oder Fleckentfernung, Stunden. Ein andermal sind sie einfach kindisch und kichern wie junge Mädchen. Je nach Bedarf trocknen sie sich jederzeit gegenseitig die Tränen, ohne darin Verpflichtung zu fühlen. Freundschaft eben, nicht weniger und nicht mehr.

In den letzten Monaten sind Vorbereitungen zur und vollzogene Trennung das Hauptthema. Es gab eine kurze, von beiden gesuchte Kontaktpause. Die Entscheidung der einen verstärkte die Zerrissenheit der anderen.

An diesem Montagabend klingelt das Telefon nach zehn Uhr. Eine ungewöhnliche Zeit für einen Anruf der Freundin.

„Anna wie geht es dir? Kommst du klar? Ist es so, wie du dachtest? Genießt du die Unabhängigkeit?“ Heidemarie spricht laut und schnell. „Hast du Lust zu reden? Erwin hat sich schon hingelegt, ich kann nicht schlafen.“

„Mit dem Alleinleben ist es anders, als ich dachte. Ich habe einige Einsichten und Erkenntnisse gewonnen, die wehtun, aber helfen.“ Die Freundin will wissen, wie sie das meint.

„Weißt du“, Anna spricht leise und langsam, „ich habe nie weiter gedacht. Das Verlassen des Hauses war das letzte Bild vor meinen Augen. Ich hatte keine Vorstellung wie es ist, Tag und Nacht allein zu sein. Ich stehe auf und bin allein; ich gehe schlafen und bin allein. Irgendwie muss ich ausgeblendet haben. Ich weiß erst jetzt verbindlich, ich lebe allein.“

„Sag bloß, du bereust es doch?“

„Aber nein, wie kommst du auf so einen Blödsinn! Es war das Beste, was uns passieren konnte, und ich bin heute überzeugter denn je, wir hätten die Entscheidung viel eher treffen müssen.“

Anna bemerkt, sie sagt: ‘… passieren …’ Sie will sich abgewöhnen, Worte zu verwenden, die aktives Handeln ausschließen. Passiv war sie immer, nur aus diesem Grund erlebt sie solche Sonntage wie gestern. Es passiert nur etwas, wenn sie keinen Einfluss darauf nimmt.

„Hallo, hörst du mich noch, bist du noch da?“ Das Rufen der Freundin holt sie wieder in die Gegenwart.

„Entschuldige bitte. Neuerdings bin ich oft abwesend. Es ist eine ganz neue Erfahrung, in die Abgründe der Erinnerungen zu steigen und Dinge zu erkennen, die ich vorher ignoriert habe. Es vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart. Ich weiß manchmal nicht, über welchen Zeitraum ich gerade nachdenke“, sagt sie und widmet sich, das nimmt sie sich vor, ganz der anderen. Die kann sich vom Reden über Für und Wider einer Trennung nicht lösen.

„Mein Mann hat die Garantie, ich werde ihn nie verlassen.“ Die scharfe Betonung ‚mein Mann’ klingt wie eine Drohung, die der damit Bezeichnete, unausweichlich hinzunehmen hat. „Ich stehe zu meinem Wort, bis der Tod uns scheidet. Ich hinterlasse keinen Flurschaden, wenn ich mal auf Abwegen bin.“

Den ‚Flurschaden’ nimmt Anna nicht wahr. Heidemarie benutzt das Wort bestimmt nicht als Waffe, es rutscht ihr einfach ebenso heraus, wie die Erwin betreffenden Eigentumsverhältnisse.

‚Garantie? Ist körperliche Anwesenheit Gewähr für gegenseitige Schadlosigkeit?’ Anna wird von dem Gedanken mitgezogen. ‚Für jede Kaffeemaschine bekommt man einen Garantieschein. Nicht selten funktioniert sie bald nicht mehr. Üblicherweise bleibt jede Reparaturstelle sichtbar. Handelt es sich um eine Kaffeemaschine, ist das nicht schlimm. In einer Beziehung aber …?’ Anna versteht die Ansicht der Freundin, will hingegen nicht zum Leben verurteilt sein, sondern leben dürfen. Für sie sind das zwei verschiedene Welten.

Momentan weiß sie noch nichts vom wahren Unterschied. Es wird Jahre dauern, bis sie leben darf, was sie gerade zu formulieren versucht. Augenblicklich wünscht sie nur, es gäbe wesentliche Nuancierungen.

„Anna, hey, bist du eingeschlafen? Was ist los? Ich rede mit dir!“ Sie wird aus dem Niemandsland zwischen Reden, Zuhören und Denken gerissen.

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