Leseprobe aus: „Im Spiegel der anderen“

Einband

ACR "Im Spiegel der anderen"

 

Sie hat eine andere Art zu lieben. Zuerst ist es nur der vage Verdacht, sie sei altmodisch. Anna erschrickt dennoch. Es wird Jahre dauern, bis daraus die Erkenntnis reift: Das Leben schreibt seine Rechnungen und will sie bezahlt haben. Offenbar zahlt der Mensch, ohne sich bewusst zu machen, es ist seine Lebenszeit, die ihm aufgerechnet wird, und nimmt unbedacht in Kauf, sein Glück hergeben zu müssen.

Lange meidet sie die Sicht auf alles, was in der Abfolge einzelner Bilder einem endlosen Film ähnelt und begleicht jede Forderung gern. Gewinnt ihre Unzufriedenheit wieder einmal Oberhand, redet sie sich ein, es sei der Preis der Liebe.

Nach vielen Ehejahren, anfangs zaudernd, später mit dem Mut der Verzweiflung, wagt sie kurze Blicke.

‚Ich bin gern seine Frau.’ Weiter denkt sie zuerst nicht. ‚Es geht mir gut, ich bin zufrieden.’ Die schonende Lüge hilft ihr etliche Monate. ‚Ich habe einen wundervollen Ehemann’, bleibt irgendwann die einzige Unwiderlegbarkeit. Gleichsam ernüchtert vermag sie mit dieser Einsicht nichts mehr anzufangen. Inzwischen ist die Liebe gestorben.

Die in ihr gezüchtete Moral obsiegt, schließlich behält das eheliche Versprechen fürs ganze Leben Gültigkeit, und sie haben ein Kind. Entschlossen arrangiert sie sich in Gegebenheiten, wird sparsam mit Worten und sucht nicht mehr nach Gefühlen.

Es gibt kein Schlüsselerlebnis, keinen kausalen Zusammenhang, sie sagt eines Morgens den verbindlichen Satz:

„Georg, ich muss dich verlassen, ich halte es nicht mehr aus.“ Der ruhige Klang ihrer Worte wundert sie. Ein deplatziertes Lächeln der Erleichterung, es endlich ausgesprochen zu haben, huscht über ihr Gesicht. Dem überraschten Ehemann bleibt der Bissen des Frühstücksbrötchens im Halse stecken. Er hustet, fragt lakonisch, ob sie einen Vogel habe, und isst weiter. Dann belegt er, mit bewusst langsamen Bewegungen, die obligatorische Scheibe Knäckebrot zum zweiten Kaffee mit Salami. So gewinnt er Zeit. Dem Blick seiner Frau weicht er aus. Die scheint auf eine Reaktion zu warten. Was will die überhaupt von ihm?

Natürlich hat er Veränderungen in ihrem Wesen wahrgenommen, aber die Sonne scheint eben nicht immer und der Honigmond der Liebe wird zur Sichel. Für ihn ist das Leben in Ordnung. Ansprüche macht er nie geltend. Hauptsache, es geht alles seinen geregelten Gang. Kein Mann springt wie ein frisch Verliebter um seine Frau herum, wenn er schon über zwanzig Jahre mit ihr durch dick und dünn gegangen ist. Er ist treu, seine Anna ist und bleibt die Einzige für ihn. Im Bezug auf Emanzipation ist er ein hervorzuhebender Protagonist, erledigt freiwillig ausnahmslos alle Arbeiten im Haushalt. Aufgeopfert hat er sich geradezu, hingegeben und zuvörderst an seine Familie gedacht. Folglich findet er keinerlei Anhaltspunkte für Vorwürfe, die ihm zu machen wären, aber eine hieb- und stichfeste Erklärung für die komische, morgendliche Anwandlung seiner Frau:

‚Georg reg` dich nicht auf’, denkt er. ‚Die kommt vorzeitig in die Wechseljahre. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, sage ich ihr, sie soll sich Hormone verschreiben lassen.’ Er isst noch eine Scheibe Brot mit Streichkäse, raucht seine Morgenzigarette, geht ohne ein Wort zu sagen in die Küche und backt einen Kuchen. ‚Sie wird sich freuen und wir trinken am Nachmittag schön Kaffee.’ Der Gedanke gefällt ihm. ‚Ach, das wird schon wieder, die hat nur schlecht geschlafen.’

Anna lässt den Trugschluss diesmal nicht zu. Seit Jahren wird sie von seinem aufopfernden Fleiß unterwandert. Ihre Entscheidung basiert auf langen Überlegungen und inneren Prüfungen. Sie hat die mentale und emotionale Trennung bereits vollzogen.

Erstmals besteht sie auf Aussprachen. Georg entzieht sich wacker. Er hält an seiner Überzeugung fest, ein Mann müsse vornehmlich an seine Familie denken, die sei heilig und jedes Opfer wert. Das Ende seiner Ehe käme einer Kapitulation gleich, eher ließe er sich ein gesundes Bein amputieren. So dreht er sich gedanklich im Kreise und überlegt, welchen größeren Einsatz er bringen kann, um seine Frau zufrieden zu stellen.

Anna, erdrückt von seiner Anerbietung, sich nunmehr restlos aufzugeben, sieht ihren Entschluss bestätigt. Er fühlt sich ungerecht behandelt, ist gekränkt und verletzt. Zwischen Weinen und Toben sucht er zu begreifen, warum ausgerechnet seine Angetraute nicht aushalten will, was andere Frauen bejubeln würden. Überrascht vom bisher verborgenen aktiven Wortschatz ihres Ehemannes, erträgt sie seine verbalen Ausbrüche. Die Chance, den jeweils anderen wenigstens zu verstehen, ergibt sich somit nicht.

Die unerfreulichen Trennungsbeispiele befreundeter Paare sind für Anna nicht relevant. Dort verlässt ausnahmslos der Mann die gemeinsame Wohnung, wird zum Täter erklärt und verbannt. Gleichzeitig ist er Opfer, beginnt unter erschwerten Bedingungen neu. Kinder, geteilt wie die Möbel, finden sich als missbrauchte Waffen auf dem Kriegsschauplatz der Erwachsenen nicht mehr zurecht.

Es bleibt Annas Obliegenheit, das Leben im eigenen Spiegel mit klarem Blick zu betrachten. Sie realisiert verspätet, aber buchstäblich gerade noch rechtzeitig: Der Rollentausch in ihrer Ehe erlaubt nichts anderes, packt lediglich die persönlichen Sachen, lässt ihrem Mann ohne Vorbehalt alles und geht.

Auch die letzte Rechnung zahlt sie, um ihre glückliche Ehe friedlich zu beenden. Sie ist geübt im sich selbst Täuschen und glaubt, auf diese Weise gäbe es weder Täter noch Opfer. Sie weiß nicht, wie sehr sie irrt. Diese Erfahrung wartet noch auf sie, Stück für Stück und eingeteilt auf unterschiedliche Lebensbereiche.

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