Leseprobe aus meinem Manuskript: “Im Spiegel einer fetten Karriere” (Badezimmerszene)

In jenen wichtigen Minuten im Leben ihres Kindes, lehnt Felicitas, noch immer völlig außer Atem, im Badezimmer an der Vorrichtung, die Ludger in der vergangenen Woche endlich fertig gebaut hat. Die Gefahr, das Toilettenbecken aus der Verankerung zu reißen, ist somit gedämmt, Felicitas` Misstrauen dennoch erhalten. Der letzte Unfall liegt erst zwei Monate zurück. Sie hat damals, ohne Chance, allein aufzustehen, mehrere Stunden in den Scherben gelegen. Ludger ist von der Arbeit gekommen, hat sie gefunden und hochgezogen. Sie haben beide geweint. Sie laut und voll Selbstmitleid, er heimlich und ganz leise.

Jetzt behindert krampfartiger Schmerz im jede Bewegung. Felicitas kann sich nicht vorbeugen und den Toilettendeckel öffnen. Mit zusammengebissenen Zähnen quetscht sich ihr Atem durch die Nasenlöcher. Ihre Verzweiflung erreicht das Stadium, in dem einzige Handlungsfähigkeit im Erdulden liegt. Diesem Zustand ist sie oft ausgeliefert. Seit zwei Monaten werden die Abstände zwischen solch lähmenden Ereignissen allerdings immer kürzer.

„Soll ich dir helfen?“ Die Stimme ihres Mannes holt Felicitas aus der Erstarrung. Sie verbraucht viel Atem, schreit aber erbost:

„Nein! Geh mir nicht auf den Wecker! Lass mich doch endlich mal in Ruhe!“

Ludger fühlt sich in seiner berechtigten Besorgnis unsachlich behandelt. Immerhin stellt er die Frage gewohnheitsmäßig, ohne derart ungebührliche Respektlosigkeit zu erwarten. Ein einfaches:

‚Nein’, genügte ihm. Ein: ‚Nein danke’, machte ihn froh und ein ‚Nein Schatz, ich schaffe es’, beflügelte ihn sogar. Wenn er ehrlich ist, erleichtert ihm jede ihrer Absagen das Leben ungemein, obgleich er sich verpflichtet fühlt, zu erkunden, inwieweit sie ohne ihn klarkommt. Darin findet er, für die Zeit notwendiger Abwesenheit, ein kleines persönliches Polster der Ruhe.

Nicht zu zählen, wie oft er seine Frau bereits in nahezu lebensgefährlicher Hilflosigkeit angetroffen hat. Mal hat er sie, auf dem Rücken liegend, neben dem Sofa, mal in den Einzelteilen des zusammengebrochenen Bettes gefunden. Einmal, es ist Jahre her, ist sie in der Duschkabine festgeklemmt gewesen. In ihrer Ratlosigkeit hatte sie die gesamte Konstruktion eingerissen.

Was muss die Frau fünf Stunden mitten in den Trümmern, nackt auf dem kalten Fußboden liegend, gelitten haben? Was macht dieser Mann täglich in der Sorge um seine Frau durch? Was von alledem bekommt ihr Sohn mit?

Ludger kann sich nicht auf ein Spiel mit Eric einlassen. In solch desolatem Zustand hat er Felicitas noch nie erlebt. Er legt eine CD ein, platziert den Jungen vor dem Fernseher, küsst ihn auf den Hinterkopf, geht wieder zum Badezimmer und öffnet die Tür, ohne anzuklopfen, einen kleinen Spalt breit.

„Lass dir doch helfen“, wirft er mit, wie Almosen erbettelnder Stimme, seine Forderung in die ertrotzte Verbindungsstelle zwischen sich und seiner Frau. Felicitas keucht empört über das Eindringen in ihren geschützten Raum:

„Geh` raus! Lass mich! Geh raus!“ Ihr Blaseninhalt drängt nach draußen. Die peinlichsten Fetzen ihres Lebens will sie nicht teilen. Es reicht, sich selbst anzukotzen.

„Ich bin in der Küche. Du brauchst bloß rufen.“ Ludger schließt die Tür. ‚Wenn ich ihr doch nur helfen könnte. Lieber Gott, warum müssen wir das alles durchmachen!’ Er hebt den Blick gen Zimmerdecke. Er ist nicht gottesfürchtig, war es nie, wird es nicht werden. Die Frage samt Geste hat er sich angewöhnt. Die Hoffnung sterbe zuletzt, erscheint im Zusammenhang damit schlüssig und lässt die Möglichkeit offen, es käme von irgendwo Rettung.

Im Badezimmer greift Felicitas nach einem Handtuch und beißt hinein. Somit bekommt sie noch weniger Luft, unterdrückt aber ihre Schreie. Warm läuft der Urin an ihren Beinen entlang, frisst sich in die wunden Stellen der Oberschenkel und bildet unter ihr eine große Pfütze.

Das erlebt sie nicht zum ersten Mal. Seit längerem funktioniert ihr Blasenmuskel nicht zuverlässig. Jedes Ruckeln ihres Körpers, jede noch so kleine Anstrengung, macht aus Felicitas ein

undichtes Subjekt. Sogar beim Husten und Niesen tropft es aus ihr heraus. Slipeinlagen nutzen nichts. Felicitas hat die Vorzüge von Babywindeln für sich entdeckt. Die sind allerdings nur für kleinere Mengen geeignet. In Fällen, wie diesem, vergrößert sie die Sauerei leider.

„Schatz? Alles in Ordnung?“ Ludger klopft wieder an die Tür. Er ist verzweifelt, panisch, hilflos. Der Toilettendeckel ist noch nicht zu hören gewesen, dabei hatte seine Frau es furchtbar eilig.

Die Welt besteht in solchen Augenblicken nur aus ihm und seinem sorgenvollen Eifer, Felicitas` Leben zu erleichtern. Alles, grenzenlos alles, ist er dann bereit, zu ertragen. Ihre nahezu abfällige Ablehnung:

„Menschenkinder, lasst mich doch endlich in Ruhe! Wenn du nicht da bist, muss ich doch auch klarkommen“, nimmt er wie eine Auszeichnung hin. Sie redet mit ihm. Er hört ihre Stimme, also lebt sie noch.

„Wenn ich nicht da bin, geht es nicht anders. Jetzt bin ich aber da. Und du hast doch gar keine Sachen im Bad. Ich bring sie dir. Warte einen Moment.“

‚Warte einen Moment’, denkt Felicitas gereizt. ‚Wieder eine seiner absolut blödsinnigen Weisheiten. Wo sollte ich denn hingehen? Aus dem Fenster springen? Überhaupt, wo sollte ich noch hingehen? Sobald ich mich zeige, feixen die Leute oder rennen angewidert davon.’

In letzter Zeit verfällt sie zunehmend sarkastischen Phasen. Irgendwie braucht sie das. Es hält sie wach, zwingt sie, sich wahrzunehmen, erinnert sie daran, eine ästhetische Beleidigung zu den wesentlichen will zu sein. Es befriedigt Felicitas, sich selbst zur Schnecke zu machen und nicht ängstlich abzuwarten, bis andere das übernehmen. So behält sie weitgehend Kontrolle und bestimmt, wer sie, wie tief, verletzt.

Lacht jemand über ihre vorgetäuschte, schonungslos ehrliche Selbstdarstellung, redet sie sich ein, es sei anerkennender Beifall. Aus Felicitas, dem optischen Störfaktor, wird Feli der Hofnarr, der gleichwohl zeitgemäß geschlechtsunabhängig und nach eigenem Ermessen, aus bedrohlichem Ernst eine witzige Wortspielerei bastelt. Von ihr vorweggenommene kränkende Bemerkungen muss niemand wiederholen. Aus Feli, dem fetten Possenreißer, wird die Wortgewandte, die das Feld als Siegerin räumt. Sie erlaubt, betont großzügig, das Lachen. Das Wort hingegen, das messerscharfe Wort, hat sie ohne Rücksicht abgeschnitten. Ist sie Siegerin, sind andere Verlierer.

Leider ist das abhängig von ihrer jeweiligen Tagesverfassung. Meist kommt sie mit zerklüfteten Wunden aus einem einseitig gegen sich geführten Krieg zurück. Solche Blessuren bluten nicht. Sie heilen nie. Eine ist tiefer als die andere und schneidet die fette Frau in Stücke. Manchmal wünscht sich Felicitas, sie stürbe und jeder erkenne in ihrem einsamen Tod seine persönliche Schuld.

„Schatz? Ich habe deine Sachen. Kann ich reinkommen?“ Ludger wartet. Nach einer Weile öffnet sich die Tür, die Hand seiner Frau wird sichtbar. Stumm reicht er ihr den Wäschebeutel. Die Tür schließt sich.

Ludger ahnt, warum er nicht eintreten darf. Er weiß mehr als Felicitas sich vorstellt. Immerhin wäscht er seit Jahren ihre Wäsche, kennt Geruch und Spuren. Erstaunt, wer Müll in ihrer Tonne entsorgt, hat er vor ein paar Wochen eine zugeknotete Tüte geöffnet und sich in sie hinein übergeben. Sein gesamter Mageninhalt ist auf stinkende, nasse Babywindeln geklatscht. Kleine Spritzer sind emporgeschossen und haben sich auf seine Stirn und in sein Haar geklebt. Fassungslos hat er sich mit dem Handrücken die Schlieren abgewischt. Die Tatsache, das innere Abbild seiner Frau, seiner Fee, seines süßen Feenstaubs, in dieser Form in einer Mülltüte zu finden, entzieht ihm, sofern er die Erinnerung daran zulässt, noch heute jede Vorstellung, wie sich gemeinsame Zukunft gestalten kann.

Ludger ekelt sich nicht. Sein Magen hat sich vor Schmerz umgedreht. Das Leid seiner Frau ist sein Lebensinhalt, seine Pein, seine Qual geworden. Fühlt sie sich wohl, blüht er auf. Geht es ihr den Umständen entsprechend gut, ist er erleichtert. Plagt sie sich, fühlt er sich krank.

Seit dem Tag an der Mülltonne bringt er ab und zu ein Paket Windeln mit und legt es in die Vorratskammer. Beim Putzen hat der die Reserve seiner Frau entdeckt. Zuerst meinte er, sie von den Beschaffungssorgen zu befreien, offenbarte er ihr sein Wissen. Schließlich schweigt er doch und füllt das Versteck heimlich auf. Er will ihr und sich Peinlichkeit ersparen.

Ludger weiß viel, aber längst nicht alles. Im Grunde hat er nicht den Hauch einer Ahnung. Wüsste er, welch unerträgliches Leben seine Frau führt, brächte er sich vielleicht um. Wie eingesperrt sie ist und nichts Bedeutung hat, als die nächste Sekunde, Minute, Stunde, den kommenden Tag, die endlose Nacht, zu überstehen, erkennt er nicht.

Felicitas ist überzeugt, ihr Mann wisse gar nichts. Ihre Kraft verweht in der Mühe, ihn unaufgeklärt zu lassen. Über ihre Ängste, Qualen und

dem Ekel vor sich selbst, spricht sie nie. Ihre Gelenke sind hin, bei jeder noch so kleinen Bewegung knacken sie. Ihr Rücken fühlt sich, wie von einem Pflug aufgerissen an. Keine Körperhaltung entlastet den drückenden Schmerz in Lendengegend, Schultern und Überall. Er hat sich längst, wie ein mit spitzen Steinen prall gefüllter Rucksack, an sie gehängt. In Füßen und Beinen, seit etwa zwei Wochen auch in Händen und Unterarmen, bilden sich Ödeme. Aus kleinen Rissen sickert, ohne besonderen Anlass, ab und zu eine helle, klebrige Flüssigkeit. Felicitas kann nicht mehr liegen. Die Last des Busens drückt auf den Brustkorb und verhindert eine freie Atmung. Sitzen ist ebenfalls unmöglich. Zum Überleben erlauben Bauch und Busen zwischen Schenkel und Oberkörper gerade mal einen Winkel von einhundertzehn bis einhundertdreißig Grad. Die umständliche, halb liegend, halb sitzende Lagerung auf dem Sofa, ist keine Entlastung. Ohne Kissen fiele sie um und erstickte. Heimlich bestellt sie per Internet Babywindeln und gibt dem Postboten ein Extratrinkgeld, damit er ihr die Lieferung unter allen Umständen nur persönlich übergibt. Die Pakete verstaut sie, gut getarnt, in der Speisekammer. Der Gang zur Mülltonne, um die Durchnässten zu entsorgen, ist nur eine, der täglichen, peinlichen Erinnerungen an ihren abstoßenden Zustand.

Wüsste Felicitas, was ihr Mann alles weiß, sie brächte sich vielleicht um. Wie eingesperrt er in sich ist und jede Sekunde, Minute, Stunde, jeden Tag und jede Nacht der Sorge um seine Frau widmet, erkennt sie nicht. Sie hat nicht den Hauch einer Ahnung, was in ihm vorgeht.

Felicitas hat inzwischen etwas Kraft gesammelt. Die leere Blase ist eine Entlastung. Mühsam schält sie sich aus dem tropfenden Rock, zerrt die Schlüpfer vom Körper, wirft ein Handtuch auf den Toilettendeckel und setzt sich. Wieder muss sie ausruhen. Drei, maximal vier ausladende Bewegungen verursachen bereits akute Atemnot. Über ihr Gesicht rinnen, mit Schweißtropfen vermischte, Tränen. Das Herz klopft laut, sie hört es bis in die Halsschlagadern. Nach mehreren ergebnislosen Anläufen zerrt sie das T-Shirt über den Kopf, wirft es zu den Kleidungsstücken auf den Boden und schiebt den Wäscheberg in die Urinpfütze. Die Bemühung, den Schandfleck ihres Zustands wegzuwischen, bringt sie beinahe aus dem Gleichgewicht. Dann pult sie mit den Zehen des rechten Fußes im Sockenbündchen des Linken. Diese Technik ist mit der Zeit ausgreift. Felicitas kann nach einer Weile auf die jeweilige Spitze treten und sie vom Fuß rupfen.

‚Ausruhen’, denkt sie. ‚Ausruhen. Einmal nur schmerzfrei und ohne Luftnot ausruhen.’ Ihre Hände hängen an Armen, die Fremdkörpern ähnlich, auf seitlichen Fettwülsten liegen. Nackt im wahrsten Sinne des Wortes, sitzt diese Frau vollständig entblößt auf dem, für sie, viel zu kleinen Klodeckel.

Unbarmherzig betrachtet Felicitas ihren Bauch und stellt gnadenlos fest:

‚Im Grunde könnte ich nackt durch die Straßen gehen. Wer aussieht wie ich, zeigt selbst unter der dichtesten Hülle mehr als nur Haut von sich. Wer so aussieht, fühlt sich wie ein auf Links gedrehtes Subjekt, ohne Profil. Wer aussieht wie ich, findet seine einzig authentische Prägung im Wort: FETT. Ich bestehe aus Fett, ich bin nichts als Fett. Etwas anderes ist von mir nicht übrig.’

Solche aufrichtige Momente sind selten. Sie verlangen Konsequenz, fordern Erkenntnis, beanspruchen Veränderungen. Sie machen unzufrieden, unruhig, manchmal zornig. Letztendlich stellen sie unaussprechliche Fragen. Felicitas hat es satt, ständig nach Antworten zu suchen. Sie ist es leid, immer wieder in der Feststellung zu landen, jede ihrer Plagen sei geradewegs mit ihrem Essverhalten in Verbindung zu bringen.

Es kostet Kraft, fortwährend die eigene Fehlbarkeit im Spiegel zu sehen und pausenlos mit sich herumzutragen. Es gibt keine einzige Sekunde, in der sie nicht daran erinnert wird, wie es um sie steht.

Ihre ehemals wundervollen Augen werden von feisten Wangen eines riesigen Schädels dominiert. Das Haar ist undefinierbar, irgendwie eine Mischung zwischen blond und braun. Sie kann es nicht pflegen. Ihre Arme sind zu fett und schwer, die Stühle beim Friseur nicht mehr breit genug. Felicitas hat den Griff einer Haarbürste mit einem Holzlöffel verlängert. Das Klebeband hält dem Druck nicht ausreichend stand. Sie frisiert sich nicht, sie glättet ihre Zotteln. Hals, Doppelkinn und Nackenwulst bilden eine Einheit, die schwerfällig auf den Ansatz der mächtigen Busen rollt und bis in den Rücken fällt. Die Brüste hängen, riesigen halbgefüllten Beuteln gleich, bis unter die Achselhöhlen und enden, wo früher ihr Nabel war. Der verklebt unter einer monströsen Fettschürze, die sich auf den Oberschenkeln bis zu den Knien verteilt. Dort nässt es und riecht übel. Felicitas cremt und legt dicke Lagen Verbandsmull dazwischen, hat aber unablässig das Gefühl, grobkörnigen Sand in doppelseitig, schulheftgroßen Wunden zu verteilen. Die Innenflächen ihrer verbeulten Oberschenkel sind aufgerieben, brennen und machen jeden, ohnehin beschwerlichen, Schritt zur Tortur. Strumpfhosen oder Strümpfe gibt es für sie nicht. Mittels zweier Grillzangen zwängt sie sich in Männersocken. Muss sie das Haus nicht verlassen, schlurft sie in Badelatschen. Eine Wade hat den Umfang, den früher nicht einmal beide zusammen hatten. Ein Oberschenkel misst etwa eine nicht zu schlanken Frauentaille. Ihr Hintern ähnelt großen Barockkommoden. Er steht, unter den tannenbaumähnlich verlaufenden Fettrollen des Rückens, wie eine Brüstung ab. Die Oberarme reiben sich, die Achselhöhlen und die Seiten des Busens wund. Der schmirgelpapierartige Dauerschmerz fügt sich nahtlos in Felicitas Gesamtzustand ein.

Ihre Hände, früher schön und feingliedrig, werden von einer tiefen Furche zwischen Handrücken und Unterarmansatz getrennt. So sieht das gelegentlich bei Neugeborenen aus, nur in anderen Dimensionen. Der Versuch, die dicken Finger mittels künstlicher Nägel zu verlängern, scheitert an zu kleinen Stühlen im Nagelstudio.

Durch Telefon und E-Mail mit der Welt und ihrer Firma verbunden, ist sie nicht gänzlich isoliert. Dennoch fühlt Felicitas sich nur hier, allein im Badezimmer, egal ob nackt oder bekleidet, wirklich sicher. Hier ist sie für jedermann unsichtbar.

Immer seltener entschließt sie sich, den Anforderungen einer freie Unternehmerin gerecht zu werden und fährt ins Büro oder zu einem Kunden.

Der Ruf:

„Mama? Bist du bald fertig? Ich muss aufs Klo“, reißt sie aus der Erstarrung. Felicitas kennt die kleinen Schwindeleien ihres Mannes. Glaubt er, Kontrolle zu verlieren, schickt er den Jungen vor. Jetzt geht es ihm darum, unbedingt helfen zu wollen und einen Grund zu finden, es auch zu müssen.

„Wenn es ganz eilig ist, mach in ein leeres Einkochglas“, antwortet sie ungehalten. „Wenn es nicht anders geht, ist das schon in Ordnung“, fügt sie leise an.

„Papa! Soll ich wirklich in ein Glas pullern?“, fragt Eric laut. „So eilig hab ich es doch gar nicht.“

„Komm wieder her!“, ruft Ludger. Er ärgert sich über den Fehlschlag. Seine Frau braucht mit Sicherheit Hilfe. Sie ist nur zu stolz, sie zuzulassen und quält sich sinnlos. Er startet einen weiteren Versuch und ruft durch die Tür:

„Schatz, sag, was ist passiert! Lass dir doch helfen. Du kannst nicht stundenlang das Bad blockieren. Du musst doch auch mal dran denken, dass wir uns Sorgen machen!“

„Ludger, ich muss gar nichts. Ich kann gar nichts müssen, weil ich nichts mehr kann. Bitte, du hilfst mir, indem du nicht immer und immer fragst.“

Sie würde so gern sagen, er solle reinkommen und sie waschen. Endlich mal wieder richtig gewaschen sein, in allen Falten, Wülsten, am Rücken und Hintern. Am Liebsten würde sie duschen, am Allerallerliebsten baden. Weder in die Kabine, noch in die Wanne passt sie. Sie würde so gern sagen, er solle sie abtrocknen. Endlich richtig trocken sein, überall, am ganzen Körper, richtig trocken. Sie würde ihm so gern sagen, er solle ihre Wunden cremen, abdecken und die Haut, wo sie noch nicht zerfressen ist, pudern. Ach, was würde diese Frau dem Mann alles sagen, worum bitten, wenn sie nicht in ihrer Peinlichkeit gefesselt, lieber nichts von sich zeigen wollte.

Felicitas steht auf und schleppt sich zum Friseurwaschbecken. Ludger hat es vor einigen Wochen angebracht. Sie kann ihren Bauch in die Ausbuchtung schieben und die Hände ganz und gar unter den Wasserstrahl halten. Bislang musste sie ihn auf den Beckenrand legen, um den Wasserhahn aufzudrehen. Er ist dabei ständig nass geworden.

Felicitas weicht ein Badehandtuch im lauwarmen Wasser ein, wringt es, soweit wie möglich, aus und schüttelt es auseinander. Dann greift sie ein Ende und wirft mit Schwung das Andere über ihre Schulter. Sobald sie das Untere fassen kann, zieht sie das Tuch wie eine Säge über ihren Rücken. So kann sie sich, bei entsprechender Verbiegung ihres Oberkörpers, zwischen allen Hautfalten frisch machen. Mit einem Holzlöffel, die Dinger sind für alles gut, angelt sie später einen Handtuchzipfel zwischen ihren Beinen. Das ist ungeheuer anstrengend und dauert eine Weile. Lange hält sie das Vorbeugen nicht aus. Sie schaukelt ein wenig vor und zurück, weint verzweifelt, bekommt keine Luft, hustet. Aufgeben kann sie nicht. Die Prozedur begänne von Neuem. Der Zipfel bewegt sich zwar in ihre Richtung, ist aber zu kurz. Felicitas muss den Arm weiter über ihre Schulter schieben, damit das Handtuch länger nach unten rutscht. ‚Wir brauchen größere Badehandtücher’, denkt sie. Endlich erwischt sie ein kleines Stück Frottee. Der Löffel fällt zeitgleich scheppernd auf den Fliesenboden. ‚Jetzt festhalten! Festhalten!’, motiviert sie sich. Eine Hand hinter, eine vor ihr und sie kann sich mit der Sägebewegung zwischen den Beinen reinigen. Das ist die einzig verbliebene Verfahrensweise, bei jeder Gelegenheit. Bei jeder Gelegenheit! Seit sie ihre Regel nicht mehr bekommt, bleibt ihr die Aneinanderreihung dieser Strapaze wenigstens erspart.

Felicitas hat Kilogramm für Kilogramm ihre Weiblichkeit und Eigenständigkeit verloren. Mittels Tricks und Kniffe erlangt sie nur scheinbare Unabhängigkeit.

Die Erkenntnis, nach dem Toilettengang, wie ein Kleinkind auf Hilfe angewiesen zu sein, ist ein harter Schlag gewesen. Sie hat damals tagelang nichts gegessen und nachgedacht, wie sich der völlige Verlust der Würde verhindern lässt. Sie hat mit trockenen Handtüchern geübt und erst eine Lösung gefunden, nachdem sie endlich merkt, sie bekommen den richtigen Schwung nur mit nassen.

Ermattet wirft Felicitas das Tuch in den dafür vorgesehenen Eimer unter dem Waschbecken und wiederholt den Vorgang mehrmals. Eine ähnliche Technik hat sie für alle anderen Körperteile gefunden. Auch Abtrocknen ist auf die Art bedingt möglich. Vor Anstrengung schwitzt sie. Schließlich liegen neunzehn benutzte Badehandtücher im und um den Eimer herum. Ludger wäscht wegen diesem Aufwand täglich drei bis vier Maschinen Wäsche.

Nun schiebt Felicitas mit der linken Hand die riesigen Wülste auseinander, hebt die Fettschürze Stück für Stück an und verteilt mit der anderen die zähe, weiße Creme auf offenen, blutige und schorfigen Wunden. Der Schmerz nimmt ihr den Atem, raubt die Sinne. Sie muss sich am Waschbeckenrand festhalten. Wenn sie nicht gehört werden kann, schreit und weint sie laut dabei. Das entlastet. Heute beißt sie die Zähne zusammen, windet sich nur innerlich.

Endlich sauberer als vorher. Wirklich frisch gewaschen fühlt sich diese Frau nie. Sie zieht nur Rock und Bluse über. Die Bluse kneift unter den Armen. Die drei untersten Knöpfe springen immer wieder auf. Es ist egal. Sie muss endlich ausruhen. Ohne sich im Spiegel zu betrachten, streicht sie unbeholfen mit der Bürste über ihren Kopf. Zuletzt schiebt sie mit dem Fuß die Kleidungsstücke auf dem Boden hin und her.

Mit letzter Überwindung ihrer Schmerzen, steckt sie die verdächtigen Teile in die Waschmaschine und stellt sie an. Ihr Mann soll von dem Missgeschick nichts merken.

Fertig. Felicitas ist achtunddreißig Jahre alt, ihre Mimik erinnert in jedem Zustand an eine Frau, die gut und gern ihre eigene Großmutter sein könnte. Sie verzieht den Mund trotzdem, für ihren Sohn und Ludger, zu einem Lächeln. Die beiden sollen denken, es gehe ihr richtig gut.

 

Beruhigt sieht Ludger, wie sich die Badezimmertür öffnet. Inzwischen hat er frisches Wasser aufgesetzt und die Makkaroni sind längst gar. Von Bissfestigkeit kann keine Rede mehr sein. Eilig geht er seiner Frau entgegen. Sie wabbert, wie eine riesige Portion Götterspeise, an ihm vorbei ins Wohnzimmer.

Felicitas möchte weinen. Sie hat es geschafft. Gleichzeitig ärgert sie sich furchtbar. ‚Ich hätte gleich noch mal aufs Klo gehen sollen.’ Beim Aufprall auf das Sofa fühlt sie Feuchtigkeit zwischen den Beinen. Ihre Überlegung, was sie sich unterlegen könne, wird von Ludgers Frage unterbrochen:

„Wollen wir jetzt nicht erstmal essen?“ Schnell fügt er die logische Erklärung an: „Eric hat schon lange Hunger. Es ist auch schon um Acht, er muss ins Bett. Ich hole einfach alles hierher. Wir müssen ja nicht in der Küche essen.“

Die Frau auf dem Sofa nickt ergeben:

„Ja klar, lass uns das so machen. Ich habe auch Hunger. Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen.“

„Eric!“, ruft Ludger. „Komm, hilf mir mal. Wir essen gleich in der Stube.“ Der Junge kommt beinahe schüchtern ins Zimmer und betrachtet seine Mutter scheu.

„Ist alles gut, Mama?“, fragt er leise. Felicitas lächelt und streckt die rechte Hand nach ihm aus.

„Komm mal zu mir. Komm, Liebling.“ Freudig klettert der Junge neben sie auf das Sofa und kuschelt sich an ihren Bauch. Die Mutter unterdrückt den Schmerz, den sein Gewicht in ihren Wunden verursacht. „Alles ist gut“, flüstert sie. „Ich war heute nur von der Fahrerei ganz dolle kaputt. Ich musste erst duschen und mich erholen.“

„So! Jetzt essen wir erstmal. Das haben wir uns nun aber auch alle verdient“, seufzt Ludger erleichtert. „Die Nudeln sind pappig geworden. Aber sie schmecken prima.“ Er stellt zwei gut gefüllte Teller auf den Tisch und holt schließlich auch Felicitas` Portion in einer weißen Salatschüssel mit schmalem blauen Rand.

Das ungewöhnliche Essgeschirr ist schwer und heiß, steht aber auf der Brüstung aus Bauch und Busen fast von allein. Das ist praktisch die einzige Haltung, in der sie essen kann.

Felicitas verrührt Soße und Teigwaren. Dann stochert sie mit der Gabel so lange, bis sich Makkaroni daran aufgesteckt haben. Mühsam hebt sie den Arm und die rote Soße zieht eine Spur über ihr Doppelkinn. Bevor sie die übervolle Gabel in ihren Mund stecken kann, schlappern überhängende Makkaroni an Kinn und Nase.

„Ach Mensch, die Dinger sind zu lang“, schimpft sie, lehnt die Gabel in die Schüssel und wischt sich übers Gesicht.

„Warte!“ Ludger springt auf, läuft in die Küche und holt ein feuchtes Handtuch. „Hier. Damit geht’s besser“, sagt er, reicht es seiner Frau und setzt sich wieder.

„Danke“, antwortet sie. „Kannst du mir eben schnell die Schüssel noch mal wegnehmen, sonst kann ich mich gar nicht bewegen?“

„Ja, klar“, Ludger steht auf, hebt die Schüssel von Felicitas` Busen und schaut hinein. „Soll ich sie dir schneiden?“, fragt er.

„Ach, wenn ich sie in kleine Stücke geschnitten bekomme, kann ich ja gleich Spirelli essen“, empört sie sich.

„Na, der gleiche Teig ist es sowieso“, murmelt Ludger. „Es geht doch darum, was am bequemsten für dich ist.“

„Ich bin doch kein kleines Kind. Ich will keine Kindernudeln essen. Mir schmecken Makkaroni so gut, weil da die Soße so schön in die Löcher läuft und ich sie so schön rausschlürfen kann.“ Felicitas zieht einen Schmollmund. Früher hat sie damit richtig niedlich ausgesehen. Heute stülpt sich nur die Unterlippe wie ein Stück lappiger Gummischlauch vor. Kein ästhetischer  Anblick. Ludger schaut weg, Felicitas sieht sich selbst nicht, somit fällt es ihr nicht auf.

„Bei Spirelli läuft die Soße außen herum. Ist doch egal, ob innen oder außen“, erklärt Ludger seiner Frau, damit die Sache zu Ende gebracht werden kann und er endlich auch zum Essen käme. „Was ist nun? Soll ich sie dir kleinschneiden oder willst du es noch einmal versuchen?“

„Dräng mich doch nicht so. Es ist eben nicht egal, ob innen oder außen. Aber ja, gut, dann schneid sie halt klein. Sogar die letzten Freuden des Lebens werden einem noch genommen“, faucht sie schließlich als sei er ein besonders auffallender Spielverderber.

Ludger geht wieder in die Küche, kommt mit einem Messer in der Hand zurück und zieht es schnell kreuz und quer durch die Schüssel. Das Geräusch der Schneide auf dem Porzellan ist markerschütternd. Eric hält sich die Ohren zu und ruft:

„Och hör auf! Das quietscht!“ Er macht einen langen Hals, schaut in die Schüssel und lacht: „Mama, dann musst du aber mit dem Löffel essen.“

„Na, kümmere du dich mal um dich“, antwortet Felicitas gereizt. Ludger legt das Messer auf den Tisch und stellt seiner Frau die Schüssel wieder auf den dafür geeigneten Platz. Mit einem leisen Seufzer setzt er sich.

„So, nun guten Appetit“, murmelt er und widmet sich seinem Teller. Nur das Klappern des Bestecks und Felicitas` laut schmatzende Atemgeräusche, es könnten auch ihre Kaugeräusche sein, stören die endlich einkehrende Ruhe.

„Ich brauche doch einen Löffel “, sagt sie nach vergeblichen Versuchen, Soße und Makkaronistücke gleichzeitig in den Mund zu bekommen. Ludger springt mit hastigen Bewegungen auf, läuft eilig in die Küche, kommt beinahe rennend zurück, nimmt ihr die Gabel aus und drückt ihr einen Suppenlöffel in die Hand:

„So. Und nun möchte ich bitte in Ruhe essen, sonst wird alles kalt.“ Seine Stimme ist nicht unfreundlich. Vielleicht etwas fordernder als sonst, aber auf keinen Fall laut. Eher undeutlich, beinahe zurückhaltend oder ängstlich, er könne etwas Falsches sagen, nehme aber das Risiko hin.

„Du hättest doch sagen können, dass du jetzt nicht noch mal aufstehen willst. Dann wäre ich selber gegangen“, sagt Felicitas erstaunt über die angedeutete Opposition ihres Mannes und beginnt zu essen. „Schmeckt echt lecker“, kaut sie nebenbei einen Lob heraus.

Beträte in diesem Augenblick ein Fremder den Raum, fragte er sicherlich, wieso eine einzelne Frau fünf große Portionen Makkaroni auf einmal esse. Es ist aber niemand da, der die Frage stellt. Ehemann und Sohn haben sich an die Schüssel auf Felicitas Busen gewöhnt, ganz gleich, ob sie hier oder in der Küche essen.

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