Leseprobe aus meinem Manuskript: „Im Spiegel einer fetten Karriere“ (Treppenszene)

Ludgers Zeit für weitere Gefühlsanwandlungen ist beschränkt. Etwas Bedrohliches legt sich auf die, bis eben noch alles beherrschende, Ungeduld. Dumpfe, beklemmende Angst steigt in ihm hoch, macht ihn bewegungslos. Eric ist aufgestanden und lehnt schutzsuchend an seinem Oberschenkel. Ludger streicht dem Jungen übers Haar und sagt hastig:

„Bleib hier. Ich muss schnell runter.“ Er schiebt ihn ins Kinderzimmer, küsst seinen Hinterkopf und schließt die Tür. Der Ruf:

„Ist Mama da? Was ist denn? Was ist denn los?“, steht wie eine Barriere zwischen Fragen und Angst vor der Antwort.  Ludger reagiert nicht. Er läuft, eilig zwei Stufen auf einmal nehmend, hinunter, öffnet die Haustür und ist mit schnellem Schritt bei Felicitas. Er schaut in ihr schmerzhaft verzerrtes, blaurot angelaufenes Gesicht.

„Was ist los?“ Seine Stimme ist ohne Empfindung. Ihm fällt nichts anderes ein, sonst stellte er nicht ausgerechnet die Frage, deren Beantwortung er fürchtet.

„Nichts“, presst Felicitas aus überforderter Lunge. „Ich kann nicht aussteigen. Wieso gehst du nicht an den Apparat?“ Sie holt tief Luft: „Ich muss seit fünf Kilometern aufs Klo. Ich halte das nicht mehr aus.“

„Na, dann komm, steig aus“, sagt Ludger. Der nun folgende Blick lässt ihn erstarren. Seine Frau wiederholt den wichtigsten Satz des bisher Gesprochenen:

„Ich kann nicht aussteigen! Hörst du mir eigentlich zu?“ Sie bleibt starr sitzen und schaut ihn an. Dabei muss sie den Kopf zur Seite wenden. Allein diese Bewegung verbraucht Energie.

Es kostet Geduld und Kraft, die Frau aus dem Auto zu befördern. Ludger hebt, zerrt, bewegt mühevoll Felicitas` Beine zwischen Lenkrad und Sitz hervor. Ächzend stemmt sie sich mit der rechten Hand gegen die Konsole oberhalb des Radios und zieht gleichzeitig mit der Linken am Türholm ihren Oberkörper in die Drehung. In dieser Haltung klemmt sie fest und fordert: „Du musst meine Lehne weiter zurückklappen, ich ersticke.“

„Ich komme nicht an das Rad zum Zurückstellen“, schnaubt Ludger. „Es muss so gehen. Gib dir einen Ruck. Ich helfe dir.“

In Felicitas breitet sich blankes Entsetzen aus. Sie atmet ein, hält dann die Luft an und versucht, alle vorhandene Kraft in den Schwung zu legen. Sinnlos, sie ist in diesem Auto eingepfercht. Hysterie steht in ihr Gesicht geschrieben. Ihre Stimme mutiert zu pfeifendem Kreischen:

„Tu was! Hilfe!“ Ludger zieht panisch an ihrem Arm. Das bringt keine Veränderung. So rennt er um den Wagen herum, setzt sich auf den Beifahrersitz und stemmt seine linke Schulter gegen ihren Rücken. Felicitas heult, einer Sirene ähnlich, auf, schnauft, flucht sogar. Sooft sie sich am Lenkrad abstützt, drückt sie unabsichtlich auf die Hupe.

Die gesamte Umgebung wird aufmerksam. Leute suchen nach der Geräuschquelle, zeigen sich gegenseitig die Richtung mit Fingern, gehen in die Nähe des Parkplatzes, witzeln, lachen. Niemand hilft. Keiner fragt, ob ein Arzt gerufen werden solle. Aus dem Durcheinander tönt eine Männerstimme:

„Damit ist bewiesen, dass ein Wal nicht in eine Ölsardinendose passt!“ Einige feixen. Jemand sagt:

„Oh, das war aber jetzt gemein.“ Der Urheber der Spötterei merkt an:

„Na, ist doch wahr. So was ist unnormal.“ Damit wendet er sich ab und geht weiter. Einige folgen ihm. Neue Zuschauer finden sich.

Ludger erlebt solche Augenblicke, wie ungewollte öffentliche Auftritte. Er fühlt sich in den Vordergrund gezerrt, kann sich dagegen nicht wehren und schlüge den gemeinen Zynikern am liebsten mitten ins Gesicht. Zugleich wünscht er sich, sofort im Erdboden zu versinken. Es gehört tapfere Selbstaufgabe dazu, weiter an Felicitas zu schieben.

Auch sie hört die boshaften Bemerkungen. Die Enge ihres Halses und der Druck unter ihrem Nasenrücken erzählen von Tränen, die aufsteigen und endlich von den Lidern tropfen wollen. Sie lassen nicht eindeutig erkennen, aus welcher Quelle sie stammen. In Felicitas gibt es dergleichen viele. Angst, Zorn, Scham und Todessehnsucht sind die wohl Produktivsten.

Die fette Frau will sich taub stellen, kann den bohrenden Blicken und zerreißenden Witzen jedoch nicht entfliehen. Atemnot und grässlich Schmerzen am ganzen Körper bündeln sich zu überdimensional anwachsenden Fluchtgedanken. Felicitas will weg von hier, weg aus dem Blickfeld fremder Menschen, weg vom unter ihre Haut kriechenden Gelächter, in die schützende Hülle ihrer Wohnung. Sie wünscht sich ein Schutzschild kompletter Unsichtbarkeit. Vor allem will sie ihren Mann nicht wissen lassen, was andere Leute über sie denken und sagen.

Die Beziehung von Ludger und Felicitas, dem Mann und der Frau, die miteinander verheiratet sind und einen kleinen Sohn haben, definiert sich in solchen Momenten vollkommen neu. Sie sind nicht mehr Ehepaar, sind keine Eltern, sie werden Feinde und Komplizen zugleich. Ohne Einfluss auf ihre Gefühle, distanzieren sie sich voneinander und solidarisieren sich miteinander.

Beides Bedauern gilt zuerst sich selbst und hernach dem Partner. Um einer sicheren Fluchtmöglichkeit willen, ließen sie sich gegenseitig skrupellos allein, verteidigten den Anderen jedoch mit allen Mitteln, garantierte dies ein schadloses Entkommen. Sie genieren sich voreinander, schieben die Schuld daran abwechselnd auf die Umwelt, sich selbst und den  aktuellen Tatbestand. Ja, sie werden füreinander zu Täter und Opfer, sobald ihnen bewusst wird, sie können sich wechselseitig nicht retten.

Ludger hasst seine Frau, während er gegen ihren Rücken drückt, sie versucht, am Arm aus dem Auto zu zerren und der pfeilartig treffende Hohn der Umstehenden in ihm zu dem sprichwörtlichen Eimer wird, der irgendwann überläuft.

Felicitas verachtet ihren Mann, der unkoordiniert um das Auto rennt, an ihr schiebt oder zieht und kein einziges Wort der Verteidigung gegen die, zu Angreifern gewordenen, nach Sensation heischenden Schaulustigen hervorbringt.

Endlich steht Felicitas neben dem Auto. Sie schaut zur Haustür, stützt sich mit beiden Händen am oberen Holmen des Wagendaches und weicht den Blicken der Zuschauer aus.

„Heute schaffe ich es nicht nach oben“, japst sie.

„Doch! Ich helfe dir. Keine Sorge. Wir packen das“, flüstert Ludger. Gejagt von den Kommentaren des Publikums stößt sich Felicitas schließlich vom Fahrzeug ab und nutzt den Schwung zum Loslaufen. Ludger geht unmittelbar hinter ihr. Er schiebt, um sie zu unterstützen, an der Seite des jeweils vorangestellten Fußes, gegen ihre Schulter. Felicitas deutet die Berührung als Nötigung, sie solle sich beeilen. Der Unterschied zwischen Hilfe und als Kränkung empfundenem Vorwurf, verschwimmt in ihr. Sie legt keinen Wert auf Gerechtigkeit. Fühlt sie sich, wie jetzt, beispiellos elend, muss sie dafür unbedingt einen Schuldigen finden. Steht außer ihrem Mann niemand zur Verfügung, nimmt sie ihn. Das ist bequem, zumal er sich nie ernsthaft entzieht, wehrt oder gar protestiert.

„Es geht schon!“, keucht sie empört und müht sich, ihre Füße schneller voreinander zu setzen. Ludger vermag nicht, die Entrüstung seiner Frau aus deren Atemgeräuschen zu filtern. Somit fühlt er sich bestätigt und schiebt weiter. Felicitas kämpft verzweifelt mit der Mischung der Tränen aus entwaffnender Demütigung und erdrückender Hilflosigkeit. Um sie zu weinen, fehlt ihr der Atem, sie runterzuschlucken, kostet denselben. Ihre Lage ist hoffnungslos jämmerlich.

Ludger, ratlos, wie er seine Frau in die zweite Etage bugsieren solle, hat geglaubt, den Umherstehenden endlich entkommen zu sein. Nun fühlt er sich von den Blicken vorbeigehender Passanten durchbohrt. Dafür macht er seine Frau verantwortlich.

Erlaubte sie, wenigstens für solche Anlässe, einen Rollstuhl, gelte sie für die Augen der Betrachter als Behinderte und erreichte damit eine gewisse Akzeptanz für beide.

Dieser Idee hat sie sich stets verschlossen und behauptet, ihr eigener Mann betrachte sie, mangels idealer Modellmaße, als Körperbehinderte. Sie lasse sich keinesfalls in diese Kategorie einstufen. Ihr fehlten weder Arme noch Beine, sie sei nur nicht mit einer Wespentaille gesegnet.

Damit entzieht sie Ludger jegliche Möglichkeit eines sinnvollen Gespräches über die aktuelle Problematik. Ihm bleibt hernach nur, ihre Behauptung als Unsachlichkeit zurückzuweisen und zu beteuern, er lege keinen Wert auf knabenhafte Schlankheit.

Vom Parkplatz bis zur Haustür sind ungefähr fünfzehn Meter zu laufen. Sie erscheinen endlos. Ungeduldig, gleichzeitig ergeben dienstfertig, sucht Ludger nach beidseitiger Entlastung und schiebt seine Frau, mit gespenstisch starrem Mienenspiel, schließlich erschöpft in den schützenden Hausflur. Erlöst lehnt sich Felicitas keuchend mit dem Bauch an die Wand. Die erste Etappe liegt hinter ihr.

„Warte, warte, ich bekomme keine Luft!“, japst sie und stößt die Hand ihres Mannes weg, der mit einem kleinen Stups das Zeichen für den unerlässlichen Treppenaufstieg gibt. Er will endlich die Wohnungstür hinter sich zu werfen.

‚Was für ein Scheißtag. Worauf habe ich mich nur seit heute früh so gefreut?‘, denkt er und betrachtet seine Frau wie eine Fremde.

Anstrengung zeichnet tiefe Furchen in Felicitas` ansonsten faltenlos gespannte Stirn. Das Haar klebt schweißnass in ihrem Nacken. Der Rock hat sich in ihre Gesäßfalte manövriert. Dunkle Flecke lassen vermuten, ihre Blase gebe den Inhalt tropfenweise frei. Ludger drängt:

„Komm, ich helfe dir. Du schaffst das.“ Ein diffuses Gefühl von Mitleid, ob nun mit sich oder seiner Frau lässt sich nicht genau bestimmen, verpflichtet ihn, jetzt nicht aufzugeben.

Die nun folgende Prozedur bringt beide an die Grenze des Aushaltbaren. Felicitas zieht sich am Treppengeländer von einer Stufe zur nächsten, während Ludger verzweifelt beide Hände in Höhe ihres Beckens stemmt und gnadenlos dagegen drückt. Rücksicht ist nicht angebracht. Sobald seine Frau einen Fuß auf eine Stufe stellt, wirft sich Ludger in ihren Rücken als gelte es, einen massiven Eichenschrank zu versetzen. Auf seiner Stirn stehen klebrige Schweißtropfen. Heißer Atem brennt in seinen Bronchien.

‚Vorige Woche hat sie das doch noch ganz alleine geschafft.‘ Er rätselt, was in den wenigen Tagen geschehen sei. ‚Wieso kann sie plötzlich keinen Schritt mehr alleine gehen?‘ Ludgers Verzweiflung steigert sich zu armseligen Groll. ‚Wieso lässt sie sich ausgerechnet heute so schleifen? Sie braucht doch bloß noch die paar Stufen zu schaffen. Meinethalben kann sie dann bis zum Lebensende irgendwo rumhocken. Ich könnte ihr doch glatt in den Arsch treten.‘ Erschrocken hält er inne. ‚Was ist mit mir los? Ich würde ihr doch niemals wehtun!‘

Ohne Vorankündigung bleibt Felicitas stehen. Ludger hat damit gerechnet, sie setze den linken Fuß auf die nächste Stufe und sich gegen ihren Rücken gestemmt. Sie kreischt auf, verliert das Gleichgewicht und fällt vornüber.

Ludgers Herzschlag setzt kurzzeitig aus. Reflexartig strecken sich Felicitas` Arme der Treppe entgegen. Wie durch ein Wunder kann sie sich abfangen und steht nun im wahrsten Sinne des Wortes auf allen Vieren. Atemlos pumpt Ludger Luft in seine Lungen, lehnt sich mit dem gesamten Oberkörper gegen Felicitas` Hinterteil und möchte schreien, fluchen, weinen, beten zugleich.

Böllernd entweicht ihrem überanstrengten Leib ein großer Schwall angestauter Luft. Ludger schrickt zusammen. Gurgelnd strömt unangenehmer Geruch über seinen Brustkorb. Ihn kann nichts mehr erschüttern. Er nimmt auch das hin.

Felicitas schnauft in einem bedrohlich unregelmäßigen Takt und klagt:

„Mir wird schlecht. Mach was du willst, ich kann nicht mehr.“ Diese Offenbarung macht dem Mann hinter ihr keinen Mut. Im Gegenteil, er fürchtet, seine Kraft reiche weder für ihn noch für sie beide. Überdies ist er momentan unfähig, einzuschätzen, warum es seiner Frau schlecht wird. Erbräche sie sich, lauerte Erstickungsgefahr und er müsste laut um Hilfe rufen. Das will er unter allen Umständen vermeiden. Not beflügelt. Blitzartig hat Ludger eine Idee.

„Schatz, versuche dich doch mal, so zu bewegen. So ist Eric früher doch auch die Treppen hochgegangen. Nimm erst eine Hand, dann die andere, dann einen Fuß und dann den anderen. Oder versuche es in der Reihenfolge, Fuß, Hand, Fuß, Hand. Ich stütze dich, sobald du dich hoch bewegst. Komm, wir versuchen das jetzt.“

Felicitas kann nicht nachdenken, kommt bei der Aufzählung ihrer Gliedmaßen durcheinander und hält die Luft an. Ein Teil ihres Blaseninhaltes entleert sich gerade schwallartig. Die Peinlichkeit des Augenblicks ist nicht zu überbieten. Sie hat keine Wahl. Sie muss so schnell wie möglich zur Toilette.  Am Treppenabsatz wartet eine weitere Hürde. Felicitas muss sich aufrichten. Es ist ihr unmöglich, Hände und Füße auf gleiche Ebene zu stellen. Sechzehn Stufen liegen noch vor ihr.

Ganz vom Gedanken eingenommen, wie die am Bequemsten zu schaffen sind, haben Ludger und Felicitas den Rest der Welt vergessen. Eric, ihr gerade mal fünfjähriger Sohn, den beide mit ganzem Herzen lieben, ist für sie so unsichtbar geworden, wie sie beide gern wären.

Der Junge hat inzwischen sein Zimmer verlassen, steht schon eine Weile ängstlich im Treppenhaus und weiß nicht, wie er sich bemerkbar machen soll. Ganz leise flüstert er nach unten:

„Mama, Mama, was ist denn los?“ Niemand hört ihn. Er steigt verzagt auf die Verstrebung des Metallgeländers, beugt sich weit darüber hinweg, blickt mutig in den tiefen Schacht und versucht, Hören und Sehen miteinander zu kombinieren. Die kindliche Hoffnung, seine Mutter werde gleich fröhlich lachend sagen, sie mache nur Spaß, alles sei in Ordnung, sie habe ihm etwas mitgebracht, erfüllt sich nicht. Einzig schweres Schlurfen und Schnaufen dringt zu ihm nach oben, in dessen Rhythmus das Geländer vibriert.

Eine schwere Last aus Angst wirft sich auf das Kind und es schreit in die Kälte der kahlen Wände: „Mama, Mama, was ist denn los?“

Felicitas hat keine Kraft für eine Antwort und verlässt sich auf die väterlichen Instinkte ihres Mannes. Beinahe ist sie zusätzlich wütend, jetzt auch noch an ihr mütterliches Unvermögen erinnert zu werden.

„Eric! Geh in dein Zimmer!“, ruft Ludger mit ungewollt harter Stimme. „Ich sage dir, wann du rauskommen kannst!“

Eingeschüchtert löst sich der Junge von dem kalten Eisen. Sein Mund wird trocken. Er beginnt laut zu weinen:

„Was ist denn los? Kommt ihr hoch? Ich bin doch lieb!“ Im typisch kindlichem Bestreben, ein gutes Kind sein zu wollen, wiederholt er schluchzend immer wieder: „Ich bin doch lieb!“ Von Mal zu Mal wird er leiser, so als schrumpfe seine Überzeugung langsam zu einem Nichts.

Die Forderung des Vaters, er solle gefälligst im Kinderzimmer verschwinden, verunsichert den Jungen. „Was hab ich denn gemacht?“, fragt er ganz leise und steigt vom Treppengeländer herunter. Mit gesenktem Kopf und von den Wangen tropfenden Tränen schleicht er in sein Zimmer und wirft sich  aufs Bett. Kläglich bettelt er: „Sie soll nicht tot werden, bitte, sie soll nicht tot werden. Ich bin auch immer brav.

Ludgers laute Stimme und Erics Weinen locken Hausbewohner an. In der ersten Etage öffnet Frau Weigelt, eine verwitwete Mittfünfzigerin, die Tür und schaut mit weit vorgeschobenem Kopf übers Geländer nach oben. Neugier verwandelt sich in grinsende Häme.

‚Rollt sie sich wieder mal die Treppe hoch‘, denkt sie und geht in die Wohnung zurück. Herr Degenfeld, ihr unmittelbarer  Nachbar, schaut bereits geraume Zeit durch den Spion. Er hat den interessantesten Zeitpunkt nicht verpasst und mitbekommen, wie Felicitas auf allen Vieren gelandet ist. Gerade wendet er sich seinem angestammten Platz am linken Küchenfenster zu, schüttelt das Armkissen auf und grinst gehässig.

„Das Monstrum wird irgendwann nur noch mit einer Seilwinde nach oben kommen. Du kannst dir das Bild nicht vorstellen. Wie ein alter Köter kriecht die auf Pfoten und Latschen dort hoch und er schiebt sie am Arsch, wie eine Schubkarre.“ Mitten in seinen Ausführungen entdeckt er eine neue Abwechslung auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Sag bloß, die Seifert`sche kriegt schon wieder ein Balg?“, brummt er. Seiner Frau antwortet vom rechten Fenster aus:

„Manche hecken eben wie die Karnickel, damit sie dem Staat auf der Tasche liegen können.“

„Der Seifert kann später wirklich mal sagen, er hat sein Haus mit dem Schwanz gebaut.“ Degenfeld schüttelt angewidert den Kopf.

„Erwiiiiin!“, giftet seine Gemahlin, „du sollst nicht immer solche Worte in den Mund nehmen!“

„Na, is doch wahr“, knurrt der Ermahnte und macht es sich auf der Fensterbank gemütlich. Hier fühlt er sich wohl. Hier hat er alles Wesentliche im Blick. Seit er seine Arbeit verloren hat, ist er zum selbstgerechten Kritiker geworden und sieht darin seine, vom Schicksal für ihn vorbestimmte Aufgabe. Mit 55 fühlt er sich zu alt für einen Neuanfang und zu jung, um nichts mehr zu sagen zu haben.

Inzwischen sind Ludger und Felicitas am Rande ihre Kraft und in der Wohnung angelangt. In der Küche tanzen die Deckel laut scheppernd auf den Töpfen mit dem nahezu gänzlich verkochten Wasser. Ludger zieht sie von den Herdplatten. Seine Worte sind nicht jugendfrei. Er stößt sie zwischen den Lippen hervor und pustet auf seine schmerzenden Fingerkuppen. Felicitas nutzt die Situation. Sie schnauft:

„Lass mich jetzt.“ Dann schiebt sie mit bemerkenswerter Wendigkeit die Badezimmertür hinter sich zu. Ludger hält seine Hände unter kaltes Wasser und lässt sich auf einen Küchenstuhl fallen.

‚Was soll bloß werden?‘, klagt er wortlos und bleibt gebannt sitzen. Er fühlt sich verlassen. Seine Daumen glühen noch immer rot.

„Kann ich jetzt rauskommen?“ Eric winselt wie ein Welpe, der blind und frierend nach der Mutter sucht. Am Liebsten versteckte es sich unter dem Bett und bliebe dort, bis alles wieder gut ist. Die Sicherheit, ein Gutsein werde wahrhaft wieder erreicht, fehlt im jedoch. Die sonst zweifelsohne tief empfundene Liebe seiner Eltern zu ihm, wird vom Gefühl des Jungen aufgehoben, im Durcheinander der Erwachsenen vergessen zu werden. Eric steht inmitten seiner bunten Spielzeuge und weint, am ganzen Körper zitternd, herzerweichend.

Ludger will momentan keine andere Verantwortung als die für seine innere Ruhe übernehmen und brüllt ohne nachzudenken ein einziges Wort:

„Ruhe!“ Gelähmt von seiner eigenen Angst, hat er keine freie Kapazität für irgendetwas anderes als die Überlegung, wie sich das Leben gestalten ließe, könne Felicitas dauerhaft nicht mehr Treppen steigen.

Eric ist vom Aufschrei des Vaters nur einen Wimpernschlag lang erstarrt. Dann wandelt sich die Lähmung in nacktes Entsetzen und schleudert dem Fünfjährigen seinen Verdacht, er werde vergessen, entgegen. Er reißt die Tür des Kinderzimmers auf, rennt über den Flur, wirft sich gegen die Küchentür und verlangt, allen Mut zusammennehmend, brüllend:

„Lass mich rein! Lass mich rein! Was ist los! Lass mich rein!“ Seine kleinen Hände trommeln gegen das Türblatt. Der Raum hinter dieser Tür erscheint ihm, wie ein gefährliches Terrain. Er wagt nicht, es ohne Erlaubnis zu betreten und glaubt, allein in einer vom Vater klar formulierten Zustimmung, finde er zuverlässigen Schutz.

Wie aus bösem Traum erwacht, wird Ludger die Not seines Sprösslings deutlich. Mitleid durchströmt ihn. Er steht auf, öffnet die Tür, hebt seinen, ihm entgegen fallenden Sohn auf die Arme, drückt in an sich und flüstert, mit der Absicht, ihn zu beruhigen:

„Ach, ich habe mir nur die Finger verbrannt. Komm, wir spielen bis zum Essen noch eine Weile. Mama muss erst ausruhen.“

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