Leseprobe aus meinem Manuskript: “ Im Spiegel einer fetten Karriere“

ACR - 1992

ACR – 1992

Zum Bildschirmlesen ausgearbeitet:

(aus dem ersten Drittel des Romanentwurfes)

Unbewusst spürt jeder, so kann es nicht weiter gehen. Niemand spricht es aus. Felicitas und Ludger singen sich in der Stummheit ihrer Sprachlosigkeit das Lied der Sehnsucht. Oder das der Verzweiflung? In eigenartig friedvoller Stimmung braut sich derweil etwas Unheilvolles über ihnen zusammen. Oder in ihnen?
Ausgerechnet an Ludgers 45. Geburtstag und ihrer beider 10. Hochzeitstag, gerät das Gefüge ihres wortlosen Lebens ins Wanken.
Die ersten Anzeichen nimmt Ludger nur unbewusst wahr. Felicitas blockiert wie üblich nach dem Aufstehen das Bad. Eric nörgelt über die schwarze Hose und will Jeans anziehen. Die passen allerdings nicht mehr. Er fügt sich schließlich widerwillig in die Kleiderordnung.
Ständig klingelt das Telefon. Alle möglichen Bekannten haben das Bedürfnis, gute Wünsche loszuwerden.
Bereits zu diesem Zeitpunkt legt sich eine ungute Empfindung auf Ludger. Sie ist nicht genau zu definieren, fühlt sich ungefähr wie Magenschmerzen an. Zuerst denkt Ludger, die näher rückende Fünfzig und unweigerlich folgende Sechzig seien Anlass dafür. Den absonderlichen Gedanken legt er bald ab. Sein Sport hält ihn fit, er hat keinerlei Wehwehchen und überholt manch jungen Burschen ohne Mühe. Er schiebt die Unruhe beiseite und freut sich über die Geschenke. Eric hat ein Bild gemalt und einen Rahmen aus Salzteig gebastelt.
„Das kannst du richtig aufhängen“, sagt er und gibt dem Papa einen feuchten Kuss. Ludger wischt sich über den Mund.
„Du sollst nicht immer so fatschen“, lacht er und sein Sohn küsst gleich noch einmal.
Felicitas hat für ihren Mann nichts kaufen können und fühlt sich deshalb nicht besonders wohl.
„Ich gratuliere dir zum Geburtstag, wünsche dir alles Gute und vor allem Gesundheit“, hat sie geflüstert und sich an ihn gelehnt. Er hat ihr seine Hände auf die Schultern gelegt, umarmen ist ihm rein körperlich nicht möglich, und sich bedankt. „Und wenn wir mal beide Zeit haben, lade ich dich zu einem extraexorbitanten Essen ein“, hat sie angefügt und ihm einen selbstgeschriebenen Gutschein überreicht.
„Oh, das ist aber eine gute Idee“, hat Ludger gesagt. „Danke. Ja, das machen wir.“
Felicitas hat sich mit Mühe in ihr einziges Kleid gequält. Es besteht im Grunde aus vier Stoffbahnen, die durch Offenhalten von Löchern an den richtigen Stellen und einen Reißverschluss an der Vorderseite, für sie zu einer relativ bequemen Verhüllung geworden sind. Dazu streift sie Ärmel über, die auf dem Rücken mit sieben Knöpfen zusammengehalten werden. Hierfür ist nur eine Stoffbahn zusammengenäht und genau in der Hälfte geteilt worden.
„Machst du mal bitte zu?“, sagt sie und zeigt auf die Ärmel und den Reißverschluss.
„Ja, klar“, antwortet er und kniet sich vor seine Frau, führt das Steckteil in das Kastenteil des Reißverschlusses ein und befördert den Schieber nach oben. Ungefähr in Brusthöhe übernimmt Felicitas die kleine Zunge und schließt das Kleid. Während Ludger ihr die Knöpfe auf dem Rücken schließt, fragt sie:
„Muss ich Schuhe anziehen?“ und erhofft ihre Lieblingsantwort.
„Nein, du brauchst dich doch nicht zu quälen. Wir gehen doch sowieso nicht aus dem Haus, Schatz“, sagt Ludger. „Wegen mir musst du dich wirklich nicht aufmotzen.“ Felicitas ist dankbar.
Bald treffen die Gäste ein. Es wird ein schöner, lustiger Tag und Abend.
Ganz so ist es nicht. Der Anblick seiner Torte essenden Frau wird für Ludger plötzlich unerträglich. Sie hat den Teller auf ihrem Busen stehen, hält ihn mit einer Hand fest und löffelt, wie mit einem Schaufelbagger, die Bissen in ihren Mund. Beim fünften Stück hat sie zwar auf die Sahne verzichtet, dafür aber einige Kugeln Eis darauf gekleckert. Ihre Mundwinkel sind verklebt. Sie leckt mit beschmierter Zunge an ihnen entlang und löffelt und löffelt ohne Unterlass den Brei aus Marzipantorte mit dunkel glänzenden Schokoladenguss und Vanilleeis mit halb flüssigen Schlagsahneresten in sich hinein. Dabei schmatzt sie und atmet laut und nimmt, völlig zufrieden in sich versunken, ihre Umwelt nicht mehr wahr.
Die Gäste schauen stumm weg und in Ludger breitet sich diffuse Angst aus. Sie erlaubt glücklicherweise keine Details. Sie ist nur eine vage Last. Er wird wütend auf Felicitas. Äquivalent dazu überkommt ihn tiefes Mitleid. Seine Hoffnung, das gehe vorbei und seiner Frau fiele die Situation nicht auf, erfüllt sich nicht. Aber das erfährt Ludger heute nicht. Und so gelingt es ihm tatsächlich, den Abend zu genießen.
Felicitas sind die Blicke sehr wohl aufgefallen. Sie hatte das Gefühl, ihr werde jeder Bissen in den Hals gezählt.

Abends hat sie sich einen Berg Gemüse auf den Grill gepackt. Allerdings vermisst Ludger beim Aufräumen drei übriggebliebene Steaks, diverse Würstchen und den restlichen Nudelsalat. Er fragt nicht danach, überraschend geschrumpfte Vorräte gehören für ihn zum Alltag.
Nach der Feier hat Felicitas etwas Starres an sich. Sie spricht nicht, verschiebt sämtliche Termine, fährt tagelang nicht ins Büro, verweigert sämtliche Anrufe. Das ist ungewöhnlich. Ludger geht ihr aus dem Weg. Verlässt er das Haus, steckt er kleine Zettel an den Spiegel im Flur, damit sie weiß, wo er sich aufhält und wann er zurückkommt. Meist ist er im Garten, dort fühlt er sich wohl.
Irgendwann ruft jemand an. Er will gerade wieder einmal sagen, seine Frau sei verreist, da nimmt sie ihm den Hörer aus seiner Hand. Ludger ist froh, jetzt renkt sich alles wieder ein.
Irrtum. Kurz darauf bekommt er übergangslos eine haltlose Anschuldigung an den Kopf geworfen.
„Du hilfst mir, mich schrittweise umzubringen.“ Felicitas spricht ruhig, beinahe gelassen, sie bewegt nur die Unterlippe. Erschüttert schaut Ludger den Worten hinterher. Ihm fehlt ein passendes Argument gegen diese Anklage, zumal seine Frau sie mit der Behauptung untermauert: „Du siehst unberührt zu, wie aus mir ein Haufen Fett wird.“ Ihr Blick ist verzweifelt oder erbost, auf jeden Fall anders als sonst. Er vermag ihn nicht zu deuten, hat keine Zeit dazu, ist wehrlos dieser insistierenden Frau ausgeliefert, die energisch auf Antworten dringt. „Entgehen dir die abscheulichen Grimassen der Leute? Hörst du die herabwürdigenden Worte nicht? Willst du mir einreden, dich nicht wegen mir zu schämen? Ist es dir egal, wie ich mich fühle? Kommt es dir nur auf meine Anwesenheit an?“

Felicitas plötzlicher Anspruch auf Klarheit ist ihm zu nuanciert. Jede Frage für sich deckte womöglich Einzelheiten auf, vor denen er, mehr oder minder erfolgreich, seit Jahren die Augen verschließt. Er findet es unfair, gerade heute mit der Summe aller Unabänderlichkeiten konfrontiert zu werden. Ihm bliebe bei genauer Betrachtung jeweils nur ein Ja oder Nein. Woher soll er die Präzision nehmen? Was ist noch Wahrheit, was schon Lüge? Wie breit ist die Grauzone dazwischen? Ludger weiß es nicht! Er weicht diplomatisch aus:
„Können wir uns später darüber unterhalten? Das ist jetzt ganz ungünstig. Ich muss noch einkaufen, das Mittagessen vorbereiten und Eric von Dorothea abholen. Außerdem kommt heute meine Lieblingsserie.“
Was jetzt passiert, hat er noch nie erlebt. Felicitas beginnt zu schreien. Sie artikuliert keine Worte. Sie holt tief Luft, reißt ihren Mund auf und schreit. Das wiederholt sich unzählige Male. Im ersten Moment denkt er, seine Frau erlitte einen Nervenzusammenbruch oder werde wahrhaft verrückt. Kurz flackert in ihm der Schreck, wie er auf Dauer damit klarkommen solle. Jeder Schrei zerfetzt eine brauchbare Antwort. Felicitas sitzt auf dem Sofa, schaut ihren Ehemann an und schreit.
Nichts hilft gegen den markerschütterten Ton. Er wird nur durch schnaufendes Ein- und Ausatmen unterbrochen. Einer Sirene gleich, zerreißt ein Schrei nach dem anderen, Ludgers kleine Welt in winzige Stücke, und setzt sie anschließend unregelmäßig wieder zusammen. Er möchte: ‚Ja doch! Ja doch!’ rufen oder weglaufen oder fragen, was denn um Himmels willen plötzlich los sei. Dazu kommt er nicht, jeder Schrei durchstößt pfeilartig sein Hirn. Die Saat aller sorgfältig vergrabenen Frustrationen entwickelt im Takt dieses Lärms mit Widerhaken versehene Keime. Die klettern blitzartig an die Oberfläche. Ludgers Lebenskonstrukt biegt sich ächzend unter den Konturen, die zwischen Schrei und Keuchen Platz für kurze Atempausen einräumen. Doch Felicitas` Husten zermalmt selbst die zu Qualster und mischt daraus ein feuchtes Kreischen.
Ludger springt auf, holt ihr ein Glas Wasser, trinkt es versehentlich selbst aus und stellt es leer auf den Tisch. Dann ruft er verzweifelt seine Frau beim Namen. Sie öffnet den Mund und … schreit. Ohne Worte. Einfach so, wie jemand einen Schrei ausstößt, wenn er nicht gerade spuckend hustet. Das Schweigen der letzten Tage wird nachträglich zur Erholung.
Was soll ein Mann in dieser unwirklichen Situation machen? Niemand kann ihm seine Hilflosigkeit verübeln. Ihm bleibt nur, ausharren, bis die Stimme dieser urplötzlich zur Fremden gewordenen, versagt.
Tatsächlich. Abrupt ist es still und Ludger aus tiefstem Herzen dankbar. Zur Vermeidung einer Wiederholung wirkt er beruhigend auf seine Frau ein.
„Liebes, warum regst du dich so auf? Das muss doch nicht sein. Wenn du etwas brauchst, kannst du es mir doch auch vernünftig sagen.“
Die zähe Masse, der im erzwungenen Verzicht auf offenbarende Gespräche blindlings hinuntergewürgter Enttäuschungen und vermeintlicher Zurücksetzung, quillt aus Felicitas heraus. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich wie ein mächtiger Blasebalg.
„Alles, was du für mich tust, macht mich fett!“, sie bekommt nicht ausreichend Luft, muss Pausen einlegen. „Ich verlange, von dir gehört zu werden! Ich will mit dir reden!“ Die Worte wirken abgehackt. Sie zwingen sich ans Tageslicht. „Ich will, dass du mit mir redest! Eric ist beim Kindermädchen gut aufgehoben.“ Felicitas zeigt röchelnd auf das Glas. Ludger läuft in die Küche und holt einen Krug Saft. Die Bewegung tut ihm gut. Er reicht Felicitas das Getränk. Schluckweise rinnt angenehme Kühle durch ihren Hals.
„Du darfst dich nicht so anstrengen“, sagt er leise. „Wenn du so weiter machst, kannst du wieder die ganze Nacht nicht schlafen.“ Seine Sorge ist aufrichtig. Ihre Paarung mit Unüberlegtheit ähnelt zwar Ignoranz, er meint es aber gut. Felicitas erholt sich überraschend schnell. „Deine Serie, deine Heile-Welt-Filmchen sind dir wichtig! Damit baust du dir im Kopf das Leben störungsfrei! Wir leben hier!“ Sie schlägt mit der rechten Hand auf die Polsterung des Sofas. „Wir leben hier! Hier! Hier ersticken wir am Runterschlucken! Dir fällt Schlucken leicht? Mir auch! Aber ich werde davon fett!“ Ihr Gesicht schwillt und färbt sich dunkelrot. „Deine Devise, den Dingen um Gottes willen nicht auf den Grund zu gehen, bringt mich um! Ich werde in meinem Fett zugrunde gehen!“ Wieder unterbricht ein Hustenanfall ihre Rede.
„Beruhig, beruhig dich, beruhige dich doch. Menschenskind, du bekommst einen Schlaganfall, wenn du so weiter machst.“ Ludger stottert verstört, ohne nachzudenken. Kalte Angst treibt ihm den Schweiß auf die Stirn. „Es macht mir doch nichts aus, wenn du zunimmst. Das ist nur die äußere Hülle. Deine inneren Werte sind mir wichtig. Ich liebe jedes einzelne Pfund von dir.“ Er quetscht bei der Schlussbemerkung ein kurzes Lachen aus dem Hals. Mit der Versicherung hat er sich allzeit aus der Affäre ziehen können. Die Zweckmäßigkeit, der nicht näher zu differenzierenden Beteuerung, verfehlt heute ihren Sinn. Felicitas fragt erstmals nach:
„Du lobst meine inneren Werte? Welche? Nenne sie mir! Zähle mir jedes Gramm inneren Wert auf! Ich will mich kennenlernen! Ich will wissen, was dich so blind macht, dass du es mit meinem Fett verwechselst!“
Nun sitzt der Mann in der Falle leerer Worte und kann nicht zurück. Gesagt ist gesagt. Wer kommt auch darauf, jemals Plattitüden näher erklären zu müssen.
„Aber ich bitte dich“, er sucht ohnmächtig nach einem Ausweg. „Wir müssen uns doch unsere guten Eigenschaften nicht gegenseitig aufzählen.“
„Ich rede nicht von guten und schlechten Merkmalen, und schon gar nicht von deinen. Ich will jedes Gramm meiner inneren Werte von dir konkret benannt bekommen!“
„Aber Schatz, du weißt doch, du hast einen guten Charakter, du bist nett, immer höflich, treu, gemütlich, lachst gern …“, Ludger hat Angst vor dem nächsten Schreianfall. Seine Frau plustert sich gefährlich auf.
„Ge-müt-lich!“ Brüllend teilt sie das Wort in Silben. Einem grollenden Donner gleich, dröhnt es von einer Ecke zur anderen und verhallt, in der Lächerlichkeit seiner Bedeutung, in überzogener Heiterkeit. Husten, Keuchen, Schreie und simuliertes Gekicher vervollkommnen die über Ludger schwappende Bizarrerie. „Gemütlich!“, wiederholt sie. Jetzt klingt es wie eine Frage. „Gemütlich!“ Der Begriff scheint sich in ihr verhakt zu haben. „Gemütlich!“ Die Repetition unterminiert Ludgers Reaktionsfähigkeit. Er fühlt sich, wie in einem Käfig aus Milchglas. „Welche Alternative habe ich denn zur Gemütlichkeit?“ Seine Frau entlässt ihn nicht aus ihren Vorstellungen zur Klärung eines verschleierbaren Sachverhaltes. Ludger ist enttäuscht, fühlt sich überrumpelt. Diesmal sucht Felicitas eine Auseinandersetzung, ohne deren unaussprechlichen Rest zu verschlucken und wendet sich nicht, wie sonst, ab. „Welche Alternative habe ich zur Gemütlichkeit!“ Unablässig hackt sie den Satz aus ihrer Seele und spürt den Schmerz seines Sinns. „Sag mir, welche Alternative habe ich!“ Japsend zersägt sie die Ruhe ihres Mannes in dünne Scheiben. „Sag’s mir! Sag mir endlich, welche Alternative ich zur Gemütlichkeit habe!“
Was soll ein Mann darauf einwenden? Woraus kann er eine Entgegnung schöpfen? Dicke seien gemütlich, ist eine übliche Erklärung. Die meisten Molligen sagen das sogar selber. Ludger wird aus dem bequemen Sessel hochgetrieben und geht im Zimmer auf und ab. Schweigend marschiert er fünfzehn Schritte. Dann zwingt ihn die Wand zur Umkehr und die Frage seiner Frau stellt sich wie eine Hürde vor ihm auf. „Welche Alternative habe ich zur Gemütlichkeit?“ Nach fünfzehn Schritten steht er vor der gegenüberliegenden Wand und: „Welche Alternative habe ich zur Gemütlichkeit?“, wirft ihn in die Drehung. Vor ihm liegen die Begrenztheit der Zimmerwände und die Frage, welche Alternative seine Frau zur Gemütlichkeit habe. Immer wieder: Wand, Frage, fünfzehn Schritte, Wand, Frage. Ihm ist schwindelig. Er holt tief Luft, sucht Worte, findet keine und fühlt sich einem Ball gleich, der pausenlos auf dem Boden aufgeschlagen wird. Jedes ‚Gemütlichkeit!’ verwandelt sich in eine brennende Ohrfeige. Ludger unterliegt der Sinnestäuschung, die Frage schöbe die Wände um ihn herum zusammen und beraube ihn seiner physischen und psychischen Bewegungsfähigkeit.
Ebenso orientierungslos ist die Fragestellerin. Beschäftigte sie sich nicht fortwährend damit, ihrem Mann den Satz: „Welche Alternative habe ich zur Gemütlichkeit?“, entgegenzuwerfen, fände sie leicht eine Antwort.
Gelänge es den beiden, jetzt zu differenzieren, brächten sie den Mut auf, ihren Blick auf die Chance des Augenblicks zu lenken. Sie sprächen vielleicht aus, was sie schon ewig verschweigen und erzwängen, worauf sie, um des lieben Friedens willen, verzichten. Ausweglos in der Forderung eingesperrt, einer unsinnigen Frage eine ehrliche Antwort entgegenzustellen, verlieren sie jedoch die Übersicht und verschleudern eine günstige Gelegenheit. Hilflosigkeit wandelt sich in Zorn, wächst zur Wut und verschließt sich jeder Erkenntnis.
Ludger beendet seinen Gewaltmarsch. Er ist ratlos, wie nie zuvor in seinem Leben. Alles nähme er auf sich, ausnahmslos alles, begänne an dieser Stelle ein neuer, ganz normaler Tag. Felicitas, siegesbewusst, ihn aus stoischer Ruhe gerissen zu haben, erweitert bedenkenlos ihre bereits umfangreiche Sammlung unheilvoller Irrtümer und redet sich ein, er habe seine Verantwortung an ihrem Zustand endlich erkannt. Das reicht ihr. Mehr will sie nicht. Sie verfällt dem Trugschluss, von nun an werde alles besser. Wie das im Einzelnen aussehen solle, definiert sie nicht näher. Sie trinkt einen Schluck Saft, es können auch drei oder mehr sein, und fühlt Befriedigung.
Ein verhängnisvolles Missverständnis bringt den Stein im nächsten Moment wieder ins Rollen. Feli sagt, sie sei müde und wolle sich hinlegen. Ludger, voll Angst, sie hole zur nächsten Attacke aus, versteht nur: ‚Müde’, und glaubt, sie beziehe das auf ihre Ehe.
„Was willst du denn noch!“, unterbricht er sie. „Ich liebe dich doch trotzdem!“ Der Sinn seiner Worte entgeht ihm, wie der Sinn ehrlicher Worte einem verzweifelten Mann nicht bewusst wird. „Ich mache doch alles mit! Wenn du Salatblätter knappern willst, bringe ich dir Salatblätter. Wenn du Eisbein und Klöße …“, er hätte beinahe ‚fressen’ gesagt und verschluckt sich. „Wenn du Eisbein mit Klößen willst, koche ich dir das. Und außerdem, wenn man sich liebt, ist es nicht wichtig, wie der andere aussieht.“
Fees Blick ist eiskalt geworden. ‚Wäre ich doch nur still geblieben’, denkt Ludger, während seine Frau ihm ein nahezu feindliches Wort nach dem anderen vor die Brust knallt.
„Du liebst mich trotzdem! Trotzdem! Trotz was?“ Die Geste seiner erhobenen Hand nutzt nichts. „Trotz weshalb! Trotzdem! Es ist eine Frechheit, mir das ins Gesicht zu sagen!“, schreit, hustet und weint sie gleichzeitig.
Ludger fühlt sich wie ein Keks, der in Kaffee getaucht, keine Wahl hat, ob er schnell oder langsam zerfällt. Mal wird er waagerecht darauf gelegt und gewinnt Zeit, dann senkrecht nach unten gedrückt und löst sich sofort auf. Er überlegt einen winzigen Augenblick, ob er das Zimmer einfach verlassen und warten solle, bis sie sich beruhigt hat. Seine Frau steigert sich zur gleichen Zeit spiralartig in unkontrollierbare Zerstörungswut und stellt die absurdeste aller Fragen: „Du würdest mich also heute wieder heiraten?“
Stille. Absolute Stille. Sie schaut ihren Mann an und atmet nicht. Wie ein angehaltener Film erstarren beide in der eben noch bewegungsreichen Chronologie. Vorsichtig zieht Felicitas mit halb geöffnetem Mund Luft in ihre Lungen. Sie wartet. Jetzt ist es ausgesprochen. Es liegt wie eine Granitplatte auf dem Tisch zwischen ihnen. Der Gegenpart der existenziellen Frage, nämlich, ob sie ihn nochmals heiraten würde, hat im Fokus einseitiger Beleuchtung keinen Platz.
Ludger vermeidet jede Regung, vielleicht ist er auch nur unfähig dazu. Er versteht die Frage nicht, weiß nicht, woher sie kommt, findet sie komisch, albern, unpassend. Er will dieser Zwickmühle entfliehen … und nickt unbewusst.
Felicitas registriert es und macht daraus, was sie braucht, um ihn ein für alle Mal festzunageln. Sie kennt diesen Mann, der sich immer windet und nichts so liebt, wie sein handgemachtes System gesicherter Ruhe. Unbarmherzig gegen sich und ihren Mann, packt ihre zangenartige Frage zu und streift Ludger jeden ihrer bisher streng gehüteten Minderwertigkeitskomplexe wie eine zweite Haut über. „Du würdest du mich also heute wieder heiraten?“
Was soll Ludger darauf antworten? Vor acht oder neun Jahren, das konkrete Datum fällt ihn in dem Durcheinander nicht ein, hat er diese Frau geheiratet. Den Schritt nachträglich zu hinterfragen ist für ihn unzweckmäßig. Er kann das Leben nicht zurückdrehen. Und wenn, käme es genau an dem Zeitpunkt zum Stehen, wo ihm nichts wertvoller erschien, als die Ehe mit seiner süßen Fee. „Sag mir, ab welchem Jahr du mich nicht mehr geheiratet haben würdest!“, meißelt die dicke Frau auf dem Sofa rücksichtslos in seine Gedanken. Er betet, sie möge still sein und ihn wenigstens eine Minute Luft gönnen. Seine Schultern zucken ohne sein Zutun. Er bemerkt es zu spät, erschrickt fürchterlich und hofft, sie sei nicht aufgefallen. Ist es wohl doch, denn Felicitas schlägt die Hände vors Gesicht, weint und röchelt, sie könne so nicht mehr leben. Vor allem wolle sie das auch nicht.
Das klingt ernst. Ihren Lebenswillen hat seine Frau noch nie in Frage gestellt. Im Gegenteil, letztendlich hat sie immer die Meinung vertreten, wer sie nicht möge, solle wegschauen. Mal abgesehen von den unzähligen abgebrochenen Diäten, hat jeder, der sie kennt, den Eindruck, sie sei mit ihrer Figur befriedet. Ständig kaut sie und bewegt sich stets gemächlich. Essen suggeriert ohne weiteres Zutun ungezwungene, heimelige Behaglichkeit, also trifft Gemütlichkeit rundum zu. Ein Mensch, der das ausstrahlt, legt das von ihm gezeichnete Bild irgendwann manifest auf seine Umwelt. Warum sollte jemand die Wahrhaftigkeit anzweifeln.
Einzig Felix, sein bester Freund, hat unlängst gesagt, er nehme ihr den Slogan, sie fühle sich wohl, nicht ab. Das sei eine höchst zweifelhafte Fassade, hinter der sie sich verstecke. Felicitas hat ihm lauthals gnadenlosen Unverstand und Selbstüberschätzung vorgeworfen und ausdrücklich verlangt, er solle sich zukünftig derlei Meinungsäußerungen verkneifen. Felix dreht sich auf der Ferse um und geht. Am Tag darauf sagt er zu Ludger:
„Ihr könnt meinethalben bis an euer Lebensende der Schönrederei frönen. Ich werde mich daran nicht beteiligen. Solltet ihr das verlangen, trennen sich unsere Wege. Ich wäre sehr betroffen, über den Verlust von Freunden, könnte damit aber besser leben, als euch ins Gesicht zu lügen.“

Ludgers sitzt noch immer regungslos im Sessel. Feli` s Weinen tropft in ihn hinein und höhlt ihn aus. „Wie kann ich dir helfen?“, fragt er und will das wirklich wissen. ‚So geht es nicht weiter’, denkt er. ‚Wenn wir keine Lösung finden, gibt es womöglich regelmäßig solche Schreianfälle.’
„Ich will hier weg. Lass uns irgendwo neu anfangen. Wenn ich hierbleibe, gehe ich vor die Hunde“, antwortet Felicitas schluchzend.
Der Mann ist froh, in dem bequemen Sessel zu sitzen. Liefe er in dem Moment durchs Zimmer, zöge es ihm die Beine weg.
„Felicitas“, sagt er. „Feli“, seine Stimme wird weich. „Fee“, klingt in der naiven Hoffnung, er unterliege einem Hörfehler, wohlgefälliger. „Fee, das kann nicht dein Ernst sein. Wir haben uns doch gerade hier alles geschaffen, was wir uns wünschen.“
„Ich will hier weg“, antwortet seine Frau unberührt von seinen wringenden Händen. „Wenn du mich wirklich liebst, verstehst du mich.“
Ludger hat vor wenigen Minuten gesagt, er liebe sie trotzdem. Woher seine Frau ‚wirklich’ nimmt, vermag er nicht zu analysieren. Nicht einmal denken kann er, während sie ihm erklärt, sie wolle in eine Gegend, in der sie unbekannt sei, sich zurückziehen und abnehmen könne. Er fragt nicht, was sie hier daran hindere, sagt nicht, niemand zwinge sie zum bergeweisen Verzehr aller Vorräte. Er erinnert nicht an die zurückliegenden Abmagerungs-, Fasten- und Hungerkuren, die, egal wie sie genannt wurden, kaum mehr waren, als die Wahl zwischen zwei Zwangslagen. Die Unannehmlichkeit des zu vielen Essens wurde gegen die, des zu Wenigen eingetauscht. Er bemängelt nicht die miese Stimmung, die sich in solchen Phasen auf ihr aller Dasein legt, und spricht nicht darüber, wie unsäglich schlecht er sich fühlt, dann in ihrem Beisein seine Mahlzeiten einzunehmen. Er führt keine einzige Klage. Er sitzt in seinem Sessel, schaut auf seine Knie … und nickt. Von stund an ist Felicitas gelöst, lacht wieder, fährt ins Büro und alles geht seinen geregelten Gang.

Ganz so ist es nicht. Ludger öffnet viel häufiger als früher den Kühlschrank und findet ihn geleert. Der Bedarf an Haushaltsgeld steigt um die Hälfte. Im verzweifelten Versuch, seiner Ohnmacht zu entrinnen, weist Ludger eines Abends darauf hin. Felicitas entgegnet, sie beginne sofort nach dem Umzug mit dem Abnehmen. Bis dahin wolle sie das Essen genießen, bittere Zeiten kämen schließlich auf sie zu. Es läge also an ihm, wann er wieder eine Frau mit Taille habe.

Felicitas glaubt daran und freut sich auf ihr schlankes Leben. Ludger bleibt nichts übrig, jedenfalls fällt ihm nichts Besseres ein: Er versteht seine Frau. Um ihr endlich ein normales Leben zu ermöglichen, nimmt er die Reformierung seines Daseins hin.

 

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