… von Slogan und anderen Abstiegssachen …

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In den letzten Oktobertagen wird Anna in ihrem inneren Frieden empfindlich gestört. Im Amtsblatt liest sie, für die Firma eines guten Bekannten ist ein Insolvenzverfahren eröffnet worden.

„Wieso haben sie mir nicht gesagt, wie schlecht es ihnen geht, wir saßen doch vorige Woche noch gemeinsam beim Essen?“, fragt sie telefonisch nach. Er spricht leise, sie versteht ihn kaum:

„Ach, ich schäme mich einfach. Es ist so ein Elend. Da haben mein Großvater und mein Vater ein Leben lang dieses Unternehmen aufgebaut und gehalten, und ausgerechnet ich werde meinen Kindern nichts anderes hinterlassen als Schulden. Seit Jahren kämpfe ich ums geschäftliche Überleben. Doch jetzt ging es einfach nicht mehr weiter. Ein Großauftraggeber hat endgültig die Finger gehoben und mich nicht bezahlt. Mir fehlt eine sechsstellige Summe. Wenn ich alles zusammenzähle, was ich von ihm nicht bekommen habe und selbst in den Auftrag rein gesteckt habe, könnte ich aus dem Fenster springen. Es ist ein Witz, denn ich habe volle Auftragsbücher. Das macht es nicht komisch, sondern eher dramatisch. Für die Aufträge kann ich kein Material einkaufen. Es ist der reine Irrsinn. Die Banken fragen nach Sicherheiten und buchen einfach die Raten in die Überziehung. Zwischenfinanzierungen für Materialeinkauf machen die schon seit Jahren für mich. Nun ist so eine große Sache geplatzt, da spielen die nicht mehr mit. Versteh` ich sogar. Ach, ich will gar nicht drüber reden, es ist einfach alles rundum nur noch Elend.“

Anna kennt den Mann seit Jahren immer lebhaft und voll Elan. Mit der leisen, brüchigen Stimme, den depressiven Anwandlungen und der Bitterkeit wirkt er fremd.

„Wissen sie was, ich mache mich auf den Weg und komme zu ihnen. Haben sie Zeit? Wollen sie mich überhaupt sehen?“ Er schweigt erst und antwortet dann mit fester Stimme:

„Sie werden mir zwar nicht aus der Lage helfen können, aber reden, ja reden wäre wirklich gut.“ Sie fährt über die Landstraßen, der ADAC gibt eine Staumeldung durch, kurz bevor sie auf die Autobahn auffahren will.

‚Glück gehabt, jetzt auf der Autobahn stecken zu bleiben, wäre echt Mist.“ Sie ruft an, meldet, sie käme später als gedacht und erfährt, er habe ohnehin nichts anderes vor. Er klingt wie nach einer Generalkapitulation. Anna überlegt. Was kann sie sagen, machen, wie helfen? Es gibt in einer solchen Situation sicher keinen Trost.

Die >Geiz ist geil< Strategie weicht jeden unternehmerischen Stolz auf und macht qualifizierte Arbeit zur Handelsware, die nur über den Geldbetrag gewertet wird. Sie fragt sich schon lange, ob niemand beim ersten Ausstrahlen eines bestimmten Werbeslogans daran gedacht habe, welche Schneisen diese Idee durchs Land ziehen kann. Sie hat dort nie mehr einkauft. Es ist ihre kleine unsichtbare Verweigerung.

Dieser noch vor kurzem dynamische Mann steht ihr mit hängenden Schultern, ohne das sonst so lebhafte Funkeln in den Augen, gegenüber. Er reicht müde die Hand zum Gruß:

„Kommen sie rein, schauen sie sich nicht um. Gerade war ein Lieferant da und hat einiges abgeholt. Wie ein Verbrecher komme ich mir vor. Ich weiß nicht mal, ob er das darf, aber ich will mich auch nicht streiten. Mir ist alles egal. Wenn es nicht schon längst bekannt wäre, würde ich mich einschließen und einfach dichtmachen. Ich kann einfach nicht mehr.“

Auf einem Schreibtisch steht ein Bildschirm verkehrt herum. Anna wirft einen Blick unter die Tischplatten und entdeckt am Kabelsalat, die Computer sind offensichtlich abgeholt worden. Er zuckt mit den Schultern. „Die stehen schon seit vier Wochen nicht mehr da. Ich habe zum Glück privat einen Laptop und alles an Daten noch sichern können, sonst wäre ich schon eher platt gewesen.“ Sie will wissen, wer sich an PCs vergreift, die schon einige Jahre alt sind. „Ach, die haben gedacht, die können mich irgendwie dazu bringen, Geld zu besorgen. Das ist `ne Firma, die mir die ganze Anlage vermietet, regelmäßig gewartet und Updates gemacht hat. Ich habe sie seit Monaten nicht bezahlt. Wenn die abgebucht haben, war das Konto überzogen. Es war am Ende egal, was ich nicht bezahle, es hat sowieso nicht mehr gereicht. Dann standen sie eines Tages auf der Matte, haben ihre Saldenliste gezeigt und gesagt: ‚Ehe die noch höher wird, handeln wir.’ Wegen 879, 45 € wollten die mir an Ort und Stelle die Festplatten ausbauen. Ich hab` die Nerven verloren und gesagt, die sollen alles mitnehmen und sich vom Acker machen. Ich habe ihnen hinterher gerufen: ‚Ihr Leichenfledderer!’ Seitdem reden die gar nicht mehr mit mir, nur ihr Anwalt schreibt mir böse Briefe.“ Anna fragt, ob er einen Anwalt habe. Er zuckt wieder mit den Schultern, scheinbar seine aktuelle Grundhaltung. „Na klar, man bekommt doch einen Insolvenzanwalt zugeteilt. Er ist nett, keine Frage, aber das ist sein tägliches Brot. Der kann meine Sorgen gar nicht nachempfinden. Würde der sich jedes Schicksals persönlich annehmen, wäre er nicht der Richtige für solche Sachen. Er war bis jetzt einmal da, hat gesagt, ich dürfe nichts mehr machen und ist gegangen.“ Sie schaut ihn erstaunt an.

„Was? Mehr hat er nicht gesagt? Das kann ich mir nicht vorstellen. Wie lange ist das her?“

„Ach“, er zuckt mit den Schultern „klar hat er mehr gesagt. Die Hälfte habe ich vergessen und die andere Hälfte gar nicht gehört. Ich war fix und fertig mit den Nerven. Er war drei oder vier Stunden hier, vielleicht auch den ganzen Tag. Ich habe keine Ahnung mehr. Er hat sich alles angesehen, Fragen gestellt, mich beruhigen wollen. Aber genutzt hat es mir nichts. Er ist wieder gegangen, und ich stecke in der …, naja, wie man das eben so sagt.“

Es klopft an die Tür. Der Schreck ist ihm anzusehen. Offenbar meint er, mit jedem Geräusch käme Gefahr auf ihn zu. Die Tür öffnet sich langsam. Seine Sekretärin tritt ein, grüßt und fragt, ob sie ihn sprechen könne. „Ja, reden sie ruhig.“ Er zeigt auf Anna. „Ihr kennt euch ja. Reden sie ruhig, ich habe keine Geheimnisse mehr, worüber auch und wozu.“ Er lacht bitter. „Dafür ist es ohnehin zu spät, man liest es ja sogar schon in der Zeitung. Ich bin ein Versager.“

Die Sekretärin, sichtbar über fünfzig Jahre alt, setzt sich einfach hin und sagt:

„Sie sind kein Versager. Ich kenne so viele, die das Gleiche durchmachen. Aber“, sie rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her, „ich verliere nun auch alles. Ich kann das Haus nicht mehr abzahlen, mein Mann ist vorige Woche auch das letzte Mal auf seiner Arbeit gewesen.“ Sie nennt den Namen der Firma, in der er tätig war. Anna hat die auch im Amtsblatt gesehen. Mit Tränen in den Augen sagt die Frau: „Ich habe immer gerne für sie gearbeitet. Sie sind fair und fleißig. Aber wir haben seit drei Monaten kein Geld mehr bekommen. Das Insolvenzausfallgeld wird nicht sofort komplett gezahlt. Ich weiß nicht, wie wir das überstehen sollen. Ich kann schon den zweiten Monat keine Telefonrechnung bezahlen. Das Auto ist finanziert. Wenn wir das abgeben müssen, können wir uns gleich einsargen lassen.“ Anna versteht die Sorgen. Sie macht sich ihrerseits welche, denn Vorhaltungen kann dieser Mann bestimmt nicht brauchen, und seien sie auch noch so nett vorgetragen. Der zuckt abermals nur mit den Schultern und sagt mit schleppender Stimme:

„Ich weiß nicht, was ich für sie tun kann. Ich habe alles versucht. Ich musste entscheiden, ob ich Löhne und Gehälter zahle oder die Krankenkassen und die Beiträge für die Berufsgenossenschaft. Ich muss zuerst bezahlen, was Gesetz ist. Das sind nun mal nicht sie. Es hat einfach nicht mehr gereicht.“ Die Frau seufzt:

„Was für eine verrückte Welt. Wie soll das noch weiter gehen? Ich will ihnen gar nichts vorwerfen. Ich bin nur da, weil ich ganz schnell ein Arbeitszeugnis brauche. Die Agentur für Arbeit hat mir zwar keine Hoffnung gemacht, aber ich soll meine Unterlagen zusammenstellen und mich um Arbeit bemühen. Ich muss bis in vier Wochen zwölf Aktivitäten nachweisen. Ich weiß gar nicht, was ich tun soll. Ich werde wohl einfach die gelben Seiten nehmen und jeder Firma eine Bewerbung schicken. Wenn ich das mache, bezahlen die mir meinen Aufwand. Anders geht es auch nicht. Ich kann mir nicht mal die nötigen Briefmarken leisten. Die Mappen gehen dann erst recht noch ins Geld.“

„Ja, das verstehe ich“, sagt er und nickt. Anna ist sicher, er versteht nichts, aber irgendetwas will er sagen. Er greift nach einem Stift und schreibt etwas auf die Schreibtischauflage. Die Frau erhebt sich, nimmt einen großen Umschlag aus ihrer Tasche und sagt verlegen:

„Wenn es ihnen Recht ist, ich habe einen Entwurf geschrieben.“

Er zieht die DINA 4 Seite hervor, liest sie nicht, sondern greift zu seinem Füllfederhalter und unterzeichnet. Das Geräusch des großen Firmenstempels ist laut.

„Ich weiß nicht mal, ob ich den noch benutzen darf“, lacht er auf und wirf ihn in den Papierkorb. „Ein Leben lang gearbeitet und für nichts anderes gut, als für den Müll“, flüstert er. Die Frau nimmt das Blatt dankend entgegen und steckt es wieder in den Umschlag. Sie scheint erleichtert zu sein. Dann grüßt sie unsicher und stockend:

„Auf Wiedersehen. Ja, dann danke ich schön und alles, na ich meine, ich danke schön und wünsche ihnen, dass es ihnen gut geht. Na ja, dass alles gut wird.“ Sie bricht ab. Weinend verlässt sie den Raum.

„Das ist das Allerschlimmste“, sagt der Mann, der noch vor einigen Wochen mit seinen Mitarbeitern ein Firmenfest gefeiert und die neue große Baustelle begossen hat, die er nun nicht bezahlt bekommt. „Das ist das absolut Allerschlimmste. Da muss man seine Mitarbeiter ins Aus schicken und will es gar nicht. Voriges Jahr waren die von der Agentur für Arbeit hier und haben mit mir gesprochen. Ich soll unbedingt Lehrlinge ausbilden. Die haben von Verantwortung für die Region geredet und von Chancen für die Jugend. Ich habe denen gesagt, ich mache seit drei Jahren keine Ausbildung mehr, weil ich nicht mehr weiß, ob ich das Jahr überstehe. Die haben gequatscht und überzeugt und mir vorgerechnet, welche Vorteile ich habe.“ Er stützt beide Ellenbogen auf die Schreibtischplatte und versteckt sein Gesicht schamvoll in seinen Händen. „Da sitze ich, Unternehmer in dritter Generation und erzähle diesem Beamten etwas übers tägliche Überleben. Und der zückt seinen Fragebogen und meint, ich solle gerade deshalb meinen Beitrag für Deutschland leisten. Es ist ja nicht so, dass wir keine Lehrlinge brauchen können. Ich habe nur keine Zeit und kein Geld dafür. Wer kein Geld hat, hat keine Zeit. Eine komische Verdrehung der Normalität, aber sie stimmt. Während ich wegen der offenen Rechnungen mit Gläubigern, Banken und Kunden reden, verhandeln und schreiben musste, hatte ich keine Zeit für das Tagesgeschäft auf dem Bau. Mitarbeiter, die meine Arbeit machen, hätte ich einstellen müssen, aber das Geld fehlte. Am Ende habe ich doch zwei Azubis genommen. Der Kerl vom Amt für Arbeit hat einfach nicht locker gelassen. Und was ist nun? Die Jungs, beide richtig gut, sitzen mit auf der Straße. Die kommen jetzt zwar in so ein Programm, aber was nützt es ihnen? Vorige Woche haben die ihre Sachen abgeholt und sind mir richtig stinkig gekommen. Erst haben sie gemotzt und mich dann keines Blickes mehr gewürdigt. Da steht man in seinem eigenen Betrieb“, er hebt seinen Blick und schaut sich im Zimmer um, „oder in dem, was davon übrig ist, und würde sich am liebsten eingraben. Ich bin dreiundfünfzig Jahre alt, meine Frau ist achtundvierzig, unsere Kinder sind dreiundzwanzig, achtzehn, fünfzehn und der Jüngste neun. Wenn ich zurückblicke, haben wir ein Leben lang nur für Essen und Trinken gearbeitet. Ist das vielleicht gerecht? Ist das vielleicht lebenswert? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Was soll nur werden? Wie geht das weiter?“

Anna schweigt. Sie erfasst die Lage und findet keine Worte. Am liebsten würde sie sagen, das solle sich niemand einfach gefallen lassen.

„Ich glaube“, sie bemerkt zuerst nicht, wie sie ihre Gedanken laut formuliert, „das darf man nicht schweigend hinnehmen. Niemand in ihrer Lage muss sich schämen. Wofür sollten sie sich verstecken müssen? Wieso wollen sie sich eingraben? Die Gesellschaft, in der sie sich mit ihrer Insolvenz befinden, ist höchst ehrenhaft. Schauen sie ins Amtsblatt. Sie finden alteingesessene Unternehmen in der gleichen Rubrik. Mich beeindruckt die Stille, die sich um diese Zustände ansiedelt. In der Zeitung liest man, die Insolvenzen gehen zurück, die Neugründungen steigen an, die Konjunktur stehe vor einem Aufschwung. Das mag ja alles sein, ich bezweifle das nicht grundsätzlich. Die Bedeutung der Einzelnen verschwindet aber in der allgemeinen Suppe. Das halte ich für gefährlich. Um das Ganze zu verstehen und beeinflussen zu können, muss das Detail betrachtet und erkannt werden. Das Ganze besteht nämlich aus den Details. Existenzgründungen scheinen eher die Flucht aus oder vor der neuen Arbeitsmarktreform zu sein. Ich werde wütend, weil dieses Programm beinahe kritiklos dazu führt, dass jedermann einfach mal eben eine Firma gründen kann, ohne das nötige Rüstzeug zu haben. Fördergelder werden verpulvert für Schulungen und Seminare. Die Leute bekommen ein Zertifikat. Gute Handwerker sind nicht zwangsläufig gute Buchalter. Ein guter Buchhalter muss kein guter Unternehmer sein, ein Handwerker schon gar nicht. Ich halte es für unmöglich, im Schnellverfahren aus dem einen auch noch das andere zu machen und weiß gar nicht, wie viele Nagelstudios im letzten Jahr aus dem Boden gestampft wurden. Ich will nicht einmal eine Schuldfrage stellen, solche Diskussionen sind zwecklos, doch es muss einen Blick in die Zukunft geben. Und den sehe ich nicht, wenn das, was passiert, namenlos bleibt. Statistiken sind Schall und Rauch und anonym. Wir müssen endlich beginnen, dem Namen zu geben, was die Wirtschaft ausmacht. Wenn sie mit all den anderen einfach im Grau des persönlichen Untergangs verschwinden, sind ihre Erfahrungen auch noch ohne Sinn.“

„Was soll ich denn tun?“ fragt er beinahe flehend. „Soll ich ein Plakat malen, auf die Straße gehen und dagegen protestieren, dass mich etliche Auftraggeber nicht bezahlen oder selbst pleite sind?“ Anna schüttelt mit dem Kopf:

„Nein, es darf keine Schuldzuweisung sein, so etwas ist nicht konstruktiv. Es muss ein Signal sein, authentisch und nicht mit allgemeiner, sich gegenseitig aufhebender Statistik verkleistert.“ Im Moment habe sie keine konkrete Idee, gibt Anna zu.

So sitzen beide in diesem leblosen Zimmer und schweigen. Das Telefon schreckt sie aus diesem Zustand auf. Er nimmt den Hörer nicht ab. Anna steht auf, zeigt auf den Schreibtisch und sagt: „Soll ich?“ Er nickt. Sie meldet sich: „Ja hier bei“, und nennt den Firmennamen. Verwundert hört sie die Stimme eines ihrer weiteren Bekannten.

„Was machen sie denn dort?“ fragt er. Sie versucht ein Lachen.

„Was machen sie denn in dieser Leitung? Die Welt ist wirklich klein. Hallo, erst mal.“ Ob sie den Betrieb übernommen habe, will er wissen. „Ach was, nein, ich bin nur ab und zu mal zu Besuch.“ Ob er den Chef sprechen könne, will er wissen. „Er ist gerade raus“, lügt sie.

„Das ist schade. Ich wollte ihn was fragen“, sagt auch am laufenden Band. Ich wollte fragen, ob er wohl Interesse hat etwas zu verkaufen. Das große Förderband“, er räuspert sich umständlich, „daran wäre ich interessiert. Ehe es für kleines Geld versteigert wird, könnte ich ein Angebot machen, das uns beiden nützt.“ Annas Mund wird urplötzlich trocken. Mit Mühe verdrängt sie ihre Entrüstung.

„Ich kann es ja ausrichten. An welche Summe haben sie denn gedacht?“ Er nennt einen Betrag, der wohl kaum zehn Prozent des Zeitwerts ausmacht. Die Versteigerung wird mit Sicherheit mehr einbringen. Er macht eine weitere Bemerkung:

„Wenn es nicht offiziell wäre, könnten wir sogar einen besseren Weg finden, unter dem Tisch, sie wissen schon.“ Anna fragt, ob er meine, sie würde sich zum Kofferträger machen lassen. Er kenne die Folgen genau. Er habe es nicht so gemeint. Sie solle das nicht ernst nehmen. Ihm gehe es nur darum, sich gegenseitig zu helfen. Anna bekommt den Mund nicht weit genug auf, um ausführlich einen Abschiedsgruß zu formulieren. Sie sagt nur:

„Machen sie`s gut!“, und legt auf. Würde sie nur ein Wort mehr sagen, wäre ein Referat daraus geworden. Sie kennt die Mentalität der Menschen. Jeder versucht, gut zu sein, edel zu wirken und gleichzeitig den Weg zu finden, der ihm am meisten Nutzen bringt. Statt gerade jene, die täglich dem Existenzkampf Paroli bieten müssen, sich wenigstens solidarisieren, wählen sie den Weg des geringsten Widerstandes. Andererseits kann Anna verstehen, wie im Daseinskampf jeder versucht, eine günstige Ausgangsposition zu finden.

„Was wollte er?“, wird sie in ihren Überlegungen unterbrochen.

„Das wollen sie nicht wissen“, antwortet sie schnell. „Es war eine sinnlose Frage, zumal sie bereits einen Insolvenzanwalt haben und nicht mehr selbst verfügen dürfen.“ Sie nimmt ihre Tasche und steht auf: „Kommen sie, wir gehen ein Stück, hier wird man depressiv.“ Im Vorraum findet sie eine Zeitung, faltet sie und steckt sie ein. Beide verlassen das Haus und gehen die Straße entlang.

„Ich traue mich kaum noch raus“, sagt er leise. „Es kommt mir vor als würde ich ein Stirnband tragen. Ich bilde mir ein, die Leute sehen mir an, dass ich ein Bankrotteur bin.“ Anna stellt die Begriffe klar, aber er hört ihr nicht zu. Sie laufen durch einen Park.

„Wissen sie was“, unterbricht sie nach einer Weile das Schweigen, „sie dürfen sich nicht verstecken. Ich habe da eine Idee.“ Eilig beschreibt sie den wie einen Blitz aufleuchtenden Gedanken.

 

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