2.Teil: „Kommen Sie hierher! Kommen Sie ran! Hier bekommen Sie´s Billiger als nebenan.“

Lebenszeit ist WERTvoll ...

Lebenszeit ist WERTvoll …

So hat´s angefangen

Führt der kleine Gedankenbogen wirklich zum Ausgangspunkt zurück?

Oder sind es nicht nur die PR-Themen Billig- und Kostenlos – Aktion, sondern vor allem die Suche nach Abwehrmechanismen gegen die Unterstellung, Häme und Verdächtigung, als Selbstverleger kein vollwertiger Autor zu sein?

Englisch oder Deutsch – Sprache macht Inhalt oder Inhalt macht Sprache?

Vorsorglich soll erwähnt sein: Ich weiss, Englisch ist »Internetsprache«. Es ist mir bekannt, Englisch ist Weltsprache, auch wenn so mancher Weltreisender da anderes erlebt haben mag. Ich akzeptiere, heutzutage braucht´s die Bereitschaft der vollkommenen Öffnung für alles Mögliche, ich weiss, ich weiss, ich weiss …

Trotzdem:
Für mich beginnt es schon beim Begriff. Vielleicht bin ich einfach nur zu alt(modisch). Jedenfalls kann ich nicht nachvollziehen, warum unbedingt alles englisch ausgedrückt werden muss, statt einfach deutsch zu sprechen. Klingt Selbstverleger hoffnungslos? Ist Selbstpublikation peinlich?
Vielleicht fehlt mir bei dem Ganzen nur die Konsequenz? Wenn schon Self Publishing- warum nicht auch:
“just for free”
oder
“no costs”
oder
“buy 2 pay 1″.

Klingt Self-Publisher wertvoller, seriöser als – Selbstverleger?
Ist selbst herausgeben ehrenrührig?

Im Umkehreffekt: Ist Verlagsautor sein – eine öffentliche Würdigung besonders herausragender künstlerischer Leistungen? Bitte schön! Ich fühle mich eher peinlich berührt, wenn ich lese, das ein Verlag, in dem mein Manuskript vor ein paar Jahren mit ziemlicher Sicherheit nicht mal ausgepackt worden ist, heute über ein Plagiat von jemandem stolpert, der es als Selbstverleger in prima Verkaufszahlen “geplatzhaltert” hat. Trotzdem Klasse? Klar! Denn alle Beteiligten sind im Gespräch, Tage und Wochen. Die Überlegung, wofür heutzutage Sendezeiten, Druckspalten und andere Werbewirksamkeiten vergeben werden, vervielfältigt die Möglichkeiten der Künstler nicht. Im Gegenteil. Demnach glaube ich auch nicht daran, dass Verlage, nach kostenbaren Perlen suchend, im Tief der Self Publisher tauchen. Mit höherer Wahrscheinlichkeit sieht es so aus, als warteten allerhand trockenen Fusses am Ufer auf geeignetes Strandgut.

Bei all‘ den Diskussionen, ist für mich ganz alleine wichtig:

„Wie selbstverständlich gehe ich, als Selbstverleger, also im Grunde jemand, für den sich kein Verlag interessiert, mit der Tatsache eines übervollen Marktes um?”

Etwas herausgeben – ist das nicht sowieso gleichbedeutend mit … Entscheidung treffen … und hat etwas mit loslassen zu tun?

Ich habe es schon einmal so erlebt: (Währenddessen ich nachdenke, schleicht sich das Plusquamperfekt ein … ich merke, dieses Thema habe ich abgeschlossen, deshalb kann ich nun auch offen darüber sprechen)

Vor ein paar Jahren: Das Manuskript: „Im Spiegel der anderen“ ist fertig gestellt.

Nein, ich hatte nicht wahllos alle Verlage angeschrieben. Viele Tage und Nächte hatte ich Homepages durchgeblättert. Was gehört in die Verlagsprogramm? Welche Autoren schreiben dort? Welche Bücher des betreffenden Verlages sind auf dem Markt? Welche Neuerscheinungen gibt es? Welche Anforderungen an ein Manuskript werden erwartet? Ich hatte eine Kontrollliste angefertigt, damit ich keinen Punkt übersehe, der über Sinn und Unsinn einer Manuskripteinsendung entscheiden könnte.
Genau 56 Mal habe ich exakt verpackt, mit Anschreiben, Vita und Exposé vervollständigt, mein Manuskript versendet. 56 mal 3,875 kg Papier, „mit Herzblut geschrieben“, habe ich damals leise vor mich hingesungen und genauso fühlend, zur Post gebracht. Die Etiketten hatte ich bereits zu Hause ausgefüllt, um auf der Poststelle keinen Stau zu verursachen. Das „kleine Aufsehen “: „Die Rothaarige hat heute ein halbes Hundert Pakete aufgegeben. Alle Empfänger sind Verlage. Die will wohl ein Buch schreiben?“, hat mich amüsiert. Und die Versicherung der Postfrau, dieses Buch werde sie auf jeden Fall lesen wollen, hat mir beinahe die Sicherheit einer schnellen Mulitplaktion des Vertriebsweges suggeriert. Ich erinnere mich noch sehr gut, mit welcher Freude ich das Porto bezahlt habe.

Wartezeit.
Angespannte Wartezeit.
Ekelhaft langwierige Wartezeit.

Längst hatte sich meine Euphorie in Kümmernisse gespaltet. Inzwischen hatte ich nämlich in Foren und Homepages viel intensiver über´s Verlagswesen gelesen. Im Allgemeinen und Speziellen ist mir dadurch klar geworden, ich gehöre schon zu den Auserwählten, sobald jemand mein Manuskript auspackt. Ich hatte mitbekommen, die Lektoren lesen, wenn überhaupt, höchstens zwei Seiten. Sind sie bis dahin nicht gefesselt, wenden sie sich ab. Nachschub ist im Überfluss vorhanden. Immerhin gehen täglich Tausende Manuskripte ungefragt auf Reisen und landen in desinteressierten Verlagshäusern auf überstrapazierten Lektoren Schreibtischen. Ausserdem war mir 2008 schon nicht verborgen geblieben, wie viele Verlagsautorenwerke beinahe täglich auf dem Buchmarkt erscheinen; und wie viele von ihnen, glorreich beworben, in den Schaufenstern der Buchhandlungen gestapelt werden. Zu dieser Zeit tummelten sich alle möglichen Namen aus dem Unterhaltungssektor in der Arena der Autoren. Ich betone: Namen.
Arena vermutete ich damals nur.

Genau darin liegt wohl auch die Krux, jedenfalls teilte mir der eine oder andere Verlag wortreich umschrieben mit: Hätte ich einen Namen, wäre das Risiko einer Publikation so klein, wie es Verlage eben gern haben.
„Über Namen oder Sex verkauft sich alles fast von allein“, sagte mir ein Journalist, der mein Manuskript gelesen hatte. „Überlege Dir, ob Du nicht einfach nur ein paar Sexszenen mehr reinschreibst und Dir dann die entsprechende Verlage dafür suchst. Einer seiner Berufskollegen gab mir den gutgemeinten Rat, einfach einen Skandal zu provozieren. „Skandale schaffen Unbekannte an die Öffentlichkeit“, behauptete er.

Ich bin furchtbar gekränkt gewesen. „Meine Anna“, die Protagonistin meines Romans, erlaubt die für mich damals intimsten Eindrücke von ihrem Leben, das ist wohl wahr. Immerhin: Anna lebt und liebt, sie arbeitet und trauert, trennt sich und liebt neu. Natürlich hat sie auch Sex. Da es mir um den Blick in den Spiegel der anderen geht, ist der im gegebenen Moment ein wenig anders als der von anderen. Warum und wie ich einen Skandal hervorrufen sollte, habe ich nicht verstanden und die Erklärung, die ich diesbezüglich bekommen habe, will ich hier nicht wiederholen. Das mir Unmögliche dann noch als einfach abzutun, war ein Schlag in mein Gesicht.

Was heute gang und gäbe ist, schien mir damals nicht angeraten zu sein

2008 hat es die Möglichkeit des Selbstverlegens längst gegeben. Allerdings sind diese Autoren gerade in den sogenannten Fachkreisen weder für voll genommen worden, noch überhaupt interessant gewesen. Regelmässig gab es Schelte in Foren, Blogs und anderen Publikationen. Die einhellig niedrige Meinung über Selbstverleger hat mich beeindruckt. „Ohne Verlag keine Chance!“, schrie es mir aus allen Ebenen entgegen. Eigenartigerweise sind diese Rufe nicht von den LeserInnen gekommen, sondern Autoren und die, die es werden wollten, hatten die lautesten Stimmen und die für mich dünnsten Argumente. Nicht nur die angeblich Ahnungslosen, wie ich es auch gewesen bin, haben im Internet gelesen, geschrieben und ihre Wünsche, Eindrücke und Frustrationen abgelassen. Nein! Viele Fachleute warnten eindringlich davor, irgendetwas ohne ihre Hilfe zu verlegen. Mein Eindruck: Es könnte zwar weniger herabwürdigend geschrieben sein, aber sie warben eben auch nur mit allen Mitteln um zahlende Kunden. Und dabei gilt: Jeder auf seine Weise, wie er will und kann. Natürlich habe ich auch Rezensenten über Selbstverleger „klagen hören“ und ganz oft lesen müssen: „Ich schlage ein BoD gar nicht mehr auf!“ Ob zum Beispiel ein Lektorat von jemand, der das für Liebesbriefe, Aufsätze, Doktorarbeiten, Romane und vieles andere mehr in gleichem Masse anbietet aber das Beste ist? Ich habe es nicht ausprobiert.

Das alles wäre für mich aushaltbar. Das Risiko, für mich einstehen zu müssen, halte ich nie für zu hoch. Die Häme allerdings, die beinahe bösartig anmutenden Äusserungen über Selbstverleger sind es gewesen, die mich davor zurückschrecken lassen haben, auf einen Verlag zu verzichten. Damals wäre ich wahrscheinlich nicht einmal bereit gewesen, „meine Anna“ an ein eBook „zu verscherbeln“. Ich konnte mir Buch im Zusammenhang mit -ohne Papier- nicht im Traum vorstellen. Wollte ich auch nicht.
Mit alledem ist es mir gar nicht um mich gegangen. Ich habe nur „meine Anna“ unter meinen Schutz gestellt. Noch gebadet und parfümiert von der Freude an meinem Roman, gerade frisch geschrieben, unglaublich schönes Kind, viele meiner Gedanken zum Thema Beziehung zwischen Mann und Frau, aus der Sicht des Mannes, habe ich nichts auf „meine Anna“ kommen lassen wollen.

... es gibt sie- diese Freudenmomente ...

… es gibt sie- diese Freudenmomente …

Meinen Gewinn hatte ich bereits durchs Schreiben eingefahren. Das Erlebnis des Schreibens ist ein ohnehin unbezahlbares.

… während der 13 Monate, in denen ich beinahe rund um die Uhr nichts anders

getan hatte als Schreiben, ist meine Überzeugung gewachsen, ich kann an andere etwas geben. Nun, nach dem letzten Buchstaben der Korrektur, ist ein Entschluss fällig gewesen. Natürlich hatte ich auch TestleserInnen und das sind keine „Jubelfreunde“, die mich in einen peinlichen Auftritt schicken wollten. Nach der letzten von mehreren 100 „Leserunden mit mir“, nach dem letzten Zweifel, ob ich die eine oder andere Szene doch noch anders, gar nicht, weniger betont oder viel tiefer schreiben sollte, ist der Zeitpunkt gekommen gewesen, mich zu entscheiden. Ich hatte laut gelesen und leise, vom Blatt und vom Bildschirm. Nie war ich zufrieden. Meine Identifikation mit „meiner Anna“ war noch so tief, dass ich ernsthaft darüber nachgedacht habe, alle Sexszenen zu löschen und an „solchen Stellen“ immer nur sowas wie: „Und sie sinken sich in die Arme“, zu schreiben. Es war mir plötzlich peinlich. Ein guter Freund, dem ich dies anvertraute, regte sich fürchterlich auf und sagte: „Bist Du verrückt, vertiefe sie eher. Das sind unvergleichlich erotische Bilder, die Du da beschreibst. Bau lieber solche Szenen wie mit der Domina weiter aus“ Zwischen: „Ich habe da wirklich etwas richtig Gutes geschrieben“ und: „Um Himmels Willen, welcher Teufel hat mich geritten, so viele Monate … und nun …?“, habe ich eines Tages begriffen, ich muss so oder so loslassen.

Entweder ich verbrenne das Manuskript, lösche die Dateien und hoffe darauf, irgendwann meinen Frieden machen zu können- oder ich veröffentliche meinen: „Im Spiegel der anderen“, und halte aus, was damit geschieht.
Ganz filmreif: „Geh‘ mein Kind, raus in die Welt. Laufen lehrte ich Dich, nun finde Deinen Weg“, habe ich an einem Donnerstagmorgen gegen den Flammentod „meiner Anna“ beschieden.

In den folgenden 6 Wochen erhielt ich 52 Antwortbriefe. Rücksendeporto für die Manuskripte hatte ich nicht beigelegt. Die Schmach der Wiederkehr wollte ich in gestapelten Ablagen im eigenen Haus vor mir nicht sehen müssen. Hatte mit Loslassen zu tun. Die meisten Antworten sahen gleich aus. Austauschbar nett und teilnahmslos. Das Ganze passe nicht ins Verlagsprogramm, wurde mir mitgeteilt und Erfolg gewünscht. Mehr als 10 mal wurde mir ein hoher Wiedererkennungswert zugerechnet und geraten, weiterzuschreiben. Allerdings passe es nicht ins Verlagsprogramm. Zweimal wurde ich angerufen, weil mein Foto angeblich dazu verführe, die Stimme zum Abbild hören zu wollen. Dreimal wurde mir angeboten, mein Buch eventuell ins Verlagsprogramm aufzunehmen … im nächsten oder übernächsten Jahr. Drei Lektoren haben mich angerufen. Die Geschichte und der Schreibstil seien sehr interessant, aber vieles müsse geändert, gestrichen oder zumindest anders ausgelegt werden, damit es ins Verlagsprogramm passt. So ganz im Vertrauen wurde mir (natürlich ganz „privat“) empfohlen, eventuell darüber nachzudenken, einen SM Roman daraus zu machen. „Das sind doch unheimlich fantasievolle Sexszenen, Sie können doch sowas schreiben. Also trauen Sie sich. Sie können doch auch unter Pseudonym erscheinen. Noch ein bisschen mehr Fetisch und es wird sich schon deshalb verkaufen“, wurde mir angeraten.

Vor allem das hat mich besonders aufgeregt. ich hatte weit mehr als zehn Sexszenen geschrieben, mehr sollte es nicht sein. Meine Intention ist ein sozialkritischer Gegenwartsroman und absichtlich keine BDSM- Liebesgeschichte. Ich bin verärgert gewesen und hatte dieses: “Nun gerade!“ in mir.

Nachdem inzwischen SM und BDSM in der Literatur preisträchtig hoffähig und fast zur Pflicht geworden ist, lache ich heute über meinen Beschützerinstinkt gegenüber dem »biddel Sex« meiner Anna.

Ja, so war das damals und ich habe nicht mehr darüber nachdenken, nichts ändern, streichen und nicht 2 oder 3 Jahre warten wollen. Das Argument, auch Goethe habe seine ersten Werke mitfinanzieren müssen, empfand ich zwar blödsinnig, bin aber dann doch den Weg mit einem Druckkostenzuschussverlag gegangen. „Es ist wenigstens ein Verlag und ich gelte nicht als BoD“, habe ich mir zu jener Zeit eingeredet.

Derweil sind fast 51 Monate vergangen.

Die Häme gegen Autoren von Druckkostenvorschussverlagen ist mir mehr oder minder heftig ins Gesicht geschlagen worden. Wieder: Eigenartigerweise niemals von LeserInnen, sondern von anderen Autoren, aus Foren oder von Verlagsmitarbeitern. Die, leider sehr wenigen, Rezensionen sind durchweg gut. Im Grunde bin ich noch nie so beleidigt worden wie von denen, die sich darum nicht scheren, was mit dem Roman wird, sondern schon daran verdienen, dass ich diese Entscheidung einstmals getroffen habe und dafür Geld bezahlte.

Ich habe »meine Anna« losgelassen. Manchmal nehme ich eine Leseprobe als Spiegelbild für etwas, was ich gerade sagen will. Sie ist klug und kann viel erzählen, aber ich habe sie auf eigene Verantwortung weggegeben, an jemand, der sie nicht verdient hat. (Na, verdienen in dem Zusammenhang ist dünnes Eis, aber ich lasse es so stehen.)

Könnte ich heute daraus ein eBook machen, ich würde es tun. Ich kann es nicht und mit dem Dingsda werde ich nie wieder auch nur ein Wort reden. Ich sitze die Zeit ab … bis „meine Anna“ wieder ganz mir gehört. Und wenn ich es nicht mehr erlebe- mein Sohn ist noch jung. 😉

Nachtrag 30. Mai 2013: wie es mit „meiner Anna“ weitergeht …  hier

... wieder bei mir ...

… wieder bei mir …

Entdeckungsreise der Momente

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