Gedankenleiter (2)

 

ich wünsche mir Mohnblumen

ich wünsche mir Mohnblumen

Zwischen Geburt und Tod steht das Leben und zwischen Leben und Tod das Sterben

Weiterdenken:

Stell Dir vor, Du willst über Dein Sterben sprechen und niemand will es hören.
Das ist tiefste Einsamkeit.

Eigenartig.
Will der Mensch über sein Sterben reden, findet er selten gespannte Zuhörer und kaum einer wird erleben, wie Familie und Freunde die Stühle zusammenrücken, Kaffee trinken, zuhören, sich austauschen, vielleicht sogar Notizen machen.

Es wird eher mit dem Wunsch reagiert, dieses Thema auszusparen. Verdirb uns nicht die Laune! Ich muss weinen, wenn Du so redest.

Ist es Unbedachtheit, Egoismus? Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterbenwerden ist eine Belastung für andere. Und das Gestorbensein?

Mimi hat Geburtstag und alle fahren hin. Eine gute Gelegenheit. Die ganze Familie ist anwesend. Können wir mal ein halbes Stündchen über Sterbevorkehrungen sprechen?

Was? Bist Du denn verrückt? Willst Du Mimis Geburtstag torpedieren.

Mimi wird vielleicht sogar weinen. Die Übrigen werden sich empören. Zumindest pikiert wird jeder sein.

Verschieben wir es also. Das Sterben allemal. Das Reden auch.

Aber  über Tante Amandas Sterben muss endlich mal geredet werden. Es wissen noch gar nicht alle wie schlimm das war. Sie ist ja nun schon 6 Monate tot.

Ja, ja, die Zeit vergeht.

Sie hat es wirklich schwer gehabt, mit dem Sterben. Letztes Jahr hat sie Mimis Geburtstag noch mitgefeiert.

Arme, arme Amanda. Sie musste zuletzt gewindelt werden. Monatelang.

Diese Schmerzen, ganz furchtbar. Der Husten so schlimm. Tag und Nacht keine Ruhe.

Zuletzt hat sie nur noch Babybrei bekommen und auch der kam raus. Literweise Infusionen.

Mit einem Pferd wird so was nicht gemacht. Das wird erschossen. Ein Mensch muss es erleiden. Welches Unrecht. So unwürdig dahinzusiechen.

Die Geburtstagstorte ist aber lecker. Die hätte der guten Amanda aber auch geschmeckt, früher, bevor sie mit dem Sterben angefangen hat.

Naja, ein bissel zu süss vielleicht. Die Torte.

Der Kaffee ist gut.

Na, aber sie ist in aller Würde eingeschlafen, die Kinder und Cousinen waren alle dabei. Auch der neuste Ururenkel. Na, die hat es sicher nicht mehr mitbekommen. Aber der war gerade noch rechtzeitig gekommen, 5 Tage alt. Naja Leben und Sterben gehören eben zusammen.

Wir müssen noch über die Grabpflege reden.

Amandas Mann liegt ja nun auch. Er verkraftet den Tod seiner Frau nicht. Naja, er ist 90. 65 Jahre Ehe. Das ist ja auch schwer, dann alleine zu sein.

Das kann dauern sagt der Arzt. Das Herz ist stark.

Vielleicht auch Demenz, sagt der Arzt. Ne, wenn es einmal reinreisst, dann ist es aber auch …

Bald gibt es Abendessen, oder müsst Ihr eher fahren?

Vom Gestorbensein zur Dekoration der Überlebenden?

Tante Amanda ist tot und wenn wir ihr einen Herzschlag schenken, jetzt, hier, dann wird sie einen Herzschlag lang hier sein, zu Mimis Geburtstag –

ist nicht dekorativ genug.

Stell Dir vor, Du bist gestorben und alle wissen wie es Dir dabei gegangen ist.

Die ganzen 90 Jahre vorher auch? Alle?

… obwohl vorher niemand mit Dir darüber geredet hat… 

Nur der Lebende kann über sein eigenes Sterben sprechen. Vor ausgewählten Zuhörern hat das einen ganz bestimmten Zweck- den eigenen Willen kundtun- über das eigene Sterben. Es scheint leichter, über  das Gestorbensein anderer zu sprechen als zuzuhören, wie Lebende ihr zukünftiges Sterben zu realisieren gedenken.

Sein Sterben zu Ende gestorben zu haben, bedeutet nicht mehr am eigenen Leben sein.

Dann kann der Gestorbene nicht mehr sagen wie es sein Recht gewesen wäre.

Die Überlebenden bestimmen, wie würdig das Sterben der nunmehr Toten gewesen ist.

Veto!

Anwesenheit ist keinesfalls Beteiligung.

Wer noch nie gestorben ist, weiss nichts.

Wer vor dem Sterben des Nunmehrgestorbenen nicht wissen will, was der sich unter seinem Sterben vorstellt, weiss gar nichts.

Vor dem Tod steht das Sterben an. Und es ist kein „komm, lasst uns gemeinsam sterben“. Es ist das Sterben jedes Einzelnen. Es soll ihm gehören, ausser er bestimmt, es solle verfügbar sein- für alle. In welchen Grenzen? Bis in die Windeln oder nur bis zum Rad der Schnabeltasse?

Sterben ist nicht vermeidbar. Es ist der Weg in den Tod.

Zugegeben,  es ähnelt nicht gerade einer Polterabendplanung, aber es soll darüber geredet werden dürfen, bevor nur noch über das Bereitsgestorbensein geredet werden kann; bei Mimis Geburtstag oder anderen (passenden) Gelegenheiten.

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(ACR)
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