Gedankenleiter (3)

 

Foto: Koßma

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ich wünsch mir Mohnblumen

… was die Glückswoche so alles an Gedanken beschert hat. Bescherung – Schere – Beschenkung. 

Zwischen Geburt und Tod steht das Leben und zwischen Leben und Tod das Sterben

Weiterdenken:

Über die Würde des Sterbens …

Vor der Würde des Sterbens steht die Würde des Lebens steht die Würde des Menschen überhaupt.

Wie umfassend und subjektiv darüber bereits gedacht und geschrieben worden ist, lässt sich bei den grossen Philosophen nachlesen. Auch bei den kleinen Philosophen. Auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Auch in Zeitungen. Auch in Krankenberichten. Auch in Ablehnungen von Therapien oder Heil-/Hilfsmitteln. Auch in Pflegeheimen. Auch bei Opferbetreuungen. Auch in den Geldbörsen der Rentner. Auch in Abfalltonnen voller Essbarkeiten. Auch unter Brücken. Auch in Frauenhäusern. Auch in Männerwohnheimen. Auch in Kinderzimmern. Auch auch.

Foto: Koßma

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Mit der Anzahl meiner Lebensjahre hat sich meine Würde immer enger mit meiner Selbstbestimmtheit verknüpft. Und das hat mit nichts anderem zu tun als mit meiner Unabhängigkeit. Die wiederum ist eng mit meinen Lebenserfahrungen verbunden und meiner Maxime, mit ihnen umzugehen.

Beispiel gefällig?

 

Foto: Koßma selbstbestimmt

Foto: Koßma
selbstbestimmt

Umso unwichtiger es mir geworden ist, was andere über mich denken, desto umfangreicher hat sich meine Selbstbestimmtheit entwickelt.

Dieser Prozess ist unaufhaltsam.

Zeitpunkt und Ort meiner Geburt konnte ich nicht bestimmen. Abgesehen davon, was ich mir selbst ausgesucht hätte, bin ich froh, 1953 nicht in (beispielsweise) Afrika, der Sowjetunion oder China geboren worden zu sein. Japan wäre auch nicht ideal gewesen. Vietnam auch nicht. Nichts war ideal. Was ist ideal? Wer mich gezeugt und zur Welt gebracht hat und schliesslich meine Eltern sind, habe ich auch nicht bestimmen können.

Ab wann ein Kind wahrhaft selbst bestimmt, ist wahrscheinlich eine Frage, die erst lange nach der Kindheit beantwortet werden kann. Und sicherlich empfinden Eltern, Kind und Beobachter das unterschiedlich. Kinderzeit der Nachkriegskinder. Wie vielen ist es ähnlich ergangen wie mir? Wie vielen geht es heute noch so? Kinder selbstbestimmt? Kinder an die Macht? Was für ein erwachsen-dümmliches Gerede. Ich mag solche Schlagzeilen nicht.

 

Das Menschenleben als solches ist so strukturiert, dass es gerade in der Zeit der Unerfahrenheit die umfassendsten und weitreichendsten Entscheidungen braucht, um überhaupt gelebt werden zu können. In der Zeit, da die Schulbildung noch nicht mal abgeschlossen ist, muss der Mensch sich für einen Beruf entscheiden, von dem er leben können muss. So betrachtet trägt ein 12-14 jähriger Mensch bereits Verantwortung für seine Nachkommen, bestimmt die Adresse, an der sich sein Leben und das seiner Kinder ankern. Und in jeder Generation wird ungefähr im gleichen Zeitraum das Kartenspiel des Lebens neu gemischt. Ist die allererste Berufswahl wirklich immer selbstbestimmt oder hat sie sich früher den Vorstellungen der Familie angepasst und ist heute massgeblich möglichkeitsbestimmt?

Foto: Koßma

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Ein Stück weiter auf den Zahlenstrahl der Lebensgeschichte: Wie viele Familie waren, sind und werden (und bleiben) Liebesverbände und wie viele sind, waren, werden und bleiben soziale Verwaltungseinheiten? Und wie vielen Kindern wird das als Grundmuster ins Leben gestrickt, die damit als 12-16 Jährige Entscheidungen für ihren Beruf treffen müssen. Also nicht nur mitten in der Schulbildung, sondern auch inmitten -für Selbstbestimmung-(über)lebensungeeigneter sozialer Konstrukten . Wer sich da irrt oder zu etwas getrieben wird, was sich später als nicht auslebensfähig erweist, ist oftmals gezeichnet fürs Leben.

In der sogenannten Blüte des Lebens- sagen wir Ende 30- steht der Mensch genau da, wo noch alles möglich, jedoch vieles schon besetzt ist. Wer früh plant, kann früh irren, wer früh handelt auch. Wer nicht plant- auch. Wer nicht handelt – sowieso. Wie also? Wer mit 14 oder 17 oder 19 eine Entscheidung getroffen hast, die sich später als nicht gut erweist, knabbert sein ganzes Leben lang daran herum?

Hauptschule oder Studium. Zeugnisse oder Schulabbrecher. Ein Kind. Zwei oder drei. Haus oder Wohnung. Beruf oder Arbeit. Gelderwerb oder ARGE. Genau zu dem Zeitpunkt, da der Mensch, mit ersten Erfahrungen ausgerüstet, endlich selbst bestimmen kann, hat er an jedem Fuss, an jeder Hand, auf dem Rücken und vor allem im Kopf, allerhand Bremsen angezogen, Päckchen zu tragen, Verpflichtungen zu erfüllen, Sorgen zu verpacken, Ängste entwickelt, Hoffnung begraben, Wünsche über Bord geworfen.

Foto: Koßma

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Und in der zweiten Blüte des Lebens.

Und in der Dritten.

Der Mensch

an sich wird

heutzutage mächtig alt.

Das muss ihn nicht am Selbstbestimmen hindern, jedoch ist seine Selbstbestimmtheit immer mehr mit dem Zurückstellen der Selbstbestimmtheit anderer Menschen verbunden.

Beispiel gefällig? Die Frau an sich gehört nicht automatisch an Herd und Kinderbett, weil sie selbstbestimmt Mutter geworden ist. Stimmt! Sowas soll sogar zukünftig per Quote politisch geregelt werden. Allerdings ist das mit der Selbstbestimmung eines Kindes so eine Sache und entweder Kindsvater, Grosseltern oder Staat müssen einspringen, während Mama sich selbst bestimmt. Natürlich kann auch der Vater selbstbestimmt an den Herd oder beide an die Mikrowelle oder alle ins Restaurant. Gleichberechtigte Selbstbestimmung. So wird der Kreis ins Quadrat gestampft. Würdevoll. Versteht sich. Klappt das nicht – haben Scheidungsrichter viel zu tun. Sozialgerichte auch. Und die Zeitungen haben unter entsprechenden Umständen über schreckliche Familiendramen zu berichten.

Und auch dann scheint mir die Selbstbestimmtheit unterschiedlich bewertet zu sein. Ist ein Kind misshandelt oder gar schon tot aufgefunden worden, scheinen die Urteile für Betrug mit Finanzen härter als gegen diejenigen, die das Leben derer zerstört haben, die nicht selbst bestimmen konnten.

Die Zeiten ändern sich nicht, der Mensch ändert den Inhalt der Zeit.

Der nunmehr 78 Jahre alte Grossvater mit dem fortgeschrittenen Alzheimer und das Leben seiner Familie gibt es vielleicht bald als Film. Er wird sich im Fernsehen sowieso nicht erkennen. Dann ist es ihm auch egal wie er aussieht.

Seit 6 Jahren, 3 Monaten und 4 Tagen liegt eine Mutter von zwei Kindern im Spezialbett im Wohnzimmer eines kleinen Einfamilienhauses. Würdevoll- sagen alle. Traurig ist sowas – sagen alle. Das wird nicht mehr- sagen alle. Die Besucher bestimmen selbst, wann sie für Besuche Zeit haben. Der Ehemann- was bestimmt er selbst und warum so und nicht anders. Die Kinder fragen nicht mehr, wann Mama wach wird. 

11 Jahre, 8 Monate, 7 Tage. Eine Tochter pflegt ihre Eltern. Erst ihren Vater, Schlaganfall. Dann beide. Die Mutter hat Krebs. Die Tochter hat keine Familie. Keine Kinder. Sie hat ihre Eltern. Wie würdig sie ihr Leben trägt. Besser ist, es Schicksal zu nennen. Das klingt so gut erklärt, so selbstbestimmt: Sie hat ihr Schicksal angenommen.

Die Zeiten ändern sich nicht, der Mensch ändert den Inhalt der Zeit.

Vor 35 Jahren sind Wohnungen in Plattenbauweise begehrt gewesen. Zeichen der Freiheit. Endlich nicht mehr im eigenen Kinderzimmer leben müssen, mit der eigenen Familie. Heute sind Plattensiedlungen kaum noch „gute Adressen“.

Wünschen heisst nicht bestimmen. Nicht beim ersten Atemzug und nicht am Lebensende. Und so absonderlich das klingen mag, gerade die, die massgeblich über andere bestimmen (können), haben im eigenen Leben oftmals ganz ganz ganz wenig Mitspracherecht. Theoretisch haben und praktisch nutzen, ist nämlich selten wahrhaft miteinander zu vereinbaren.

So beim Sterben.

Bei der Betrachtung des Menschenleben an sich, habe ich mich schon in ganz jungen Jahren darüber gewundert, in welcher Fraglosigkeit Menschen sich gegenseitig töten, der Mensch aber, der sich selbst sein Leben nimmt, ist (seit) viele(n) Jahrhunderte(n) lang geächtet (gewesen). Auf dem Feld der Ehre zerfetzt zu werden ist würdiger als mit einem guten Gift in einem geschützten Winkel des eigenen Lebens zu sterben. Die Todesstrafe wurde und wird auch heute noch als Ausdruck menschlicher Gerechtigkeit verteidigt. Die Selbsttötung führte aber auch immer noch zum nachträglichen Rauswurf aus der menschlichen Gemeinschaft. Und es ist noch lange nicht zu Ende mit solcherlei Einstellungen, sondern sie werden anders.

Nicht die Zeit ändert sich, sondern der Mensch ändert den Inhalt der Zeit.

Die Gesellschaft „als angenommene Masseinheit“ nimmt diese Selbsttötungen hin, verwaltet sie sogar statistisch und die Schlussfolgerung, wieso mehr Männer sich selbst töten und um wie viel mehr ältere und auch junge Menschen sich selbst töten, ist kaum hörbar. Oder ist sie gar lästig, die Schlussfolgerung?

2010 töteten sich ca. 7.500 Männer selbst und ca. 2.500 Frauen. Die Anzahl der Selbsttötungen sinke regelmässig, lese ich in der Zeitung und halte für wenig tröstlich, dass es vor mehr als 100 Jahren mehr Suizide gegeben hat.

1893 soll die Suizid-Statistik so ausgesehen haben: männlich 33,6tausend; weiblich 8,3tausend; gesamt 20,9tausend.

Trotz fehlendem Vergleich mit Einwohnerzahlen und Altersstruktur ist  die Aufteilung deutlich. Mehr Männer als Frauen töten sich selbst.

Einige Selbsttötungsbegründungen sind weggefallen, viele hinzugekommen.

Auch heute noch. Im 21. Jahrhundert. Nach mehr als 65 Jahren Friedenszeit in Deutschland.

@koßma

@koßma

Wer sich irgendwo tötet, damit er nicht weiterleben muss, fällt zwar in die Statistik aber aus dem Augenmerk der Politik, der Gesellschaft, der nicht konkret betroffenen Menschen …

Einzelschicksale als Kollateralschäden der Zeit.

Du kannst den Menschen nicht zum Leben zwingen. Wer sich umbringen will, tut es auch.

Gibt es einen Würdeunterschied oder ist würde nur irgendwann ausversehen gross geschrieben worden. Ist Würde nur die Ableitung von: Würden es alle gleich empfinden, wäre es die Regel. 

Wer nicht an Schläuchen hängen will.

Nicht schmerzenzerfressene Tage und Nächte;
Wochen und Monate, Jahre um Jahre
sterbend … was.

Nicht nichts mehr wollen wollen als eben sterben können, selbstbestimmt.

Über den wird bestimmt,
er dürfe zwar bestimmen,
aber entscheiden darf er nicht.

Das Leben wird zum Wicht?

Oder der Lebende.

Hier weiter … 

(ACR)

 

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