Gedankenleiter (4) … ein Zeitsprung …

Zwischen Geburt und Tod steht das Leben und zwischen Leben und Tod das Sterben

Zeitsprung:

Foto: Koßma

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Zu der Zeit, da ich ungefähr 19 Jahre alt war, ist bei mir eine Erkrankung diagnostiziert worden, gegen die noch gar kein so gutes Kraut gewachsen war. Ganz anders als heute jedenfalls ist der Umgang mit solchen Erkrankungen gewesen: Der Patient durfte (sollte) nichts davon erfahren.

Ich habe einen medizinischen Beruf, somit zwar Schlüsse ziehen können, wollte aber, was ich zu erkennen glaubte, nicht wahrhaben. Zuerst nicht. Dieser irrführende Spruch, die Hoffnung sterbe zuletzt, hatte ich in meinen jungen Jahren noch nicht ausreichend auf Lebenstauglichkeit geprüft.

Foto: Koßma

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Also habe ich unwissend erstmal nur gehofft und diese Hoffnung mit Wodka getränkt. Krankenhausbetten sind rar gewesen, wenn schon nicht warten im Glück, dann wenigstens so tun als sei das Leben ein hoffnungsvoller Jahrmarkt. Meine Freundin hat täglich meine Wohnung nach versteckten Flaschen abgesucht und mich schliesslich liebevoll erpresst.
„Entweder Du ziehst bei mir ein- vorübergehend- oder ich rufe Deine Mutter an und sage ihr was los ist. Wie dann Dein Leben aussieht, weisst Du ja wohl!“ Ich bin zu meiner Freundin gezogen bis ein Bett im Krankenhaus für mich frei geworden ist. Ich glaube, drei Monate hat das gedauert.

Im Krankenhaus ist mein Wissensdurst gross geworden, ich habe unbedingt wissen wollen, was ich habe oder mir fehlt oder in mir zu viel ist. Meine Fragen sind unlogisch beantwortet worden, so suche ich eines Nachts meine Befunde in der damals noch ganz anders beschaffenen Krankenakte und erfahre, was ich wissen will.

Ich möchte es jetzt nicht dramatisieren, es ist schon 40 Jahre her, und mir ist wahrhaft schlimmeres begegnet – in meinem Leben – als ganz still auf einer Bettkante zu sitzen und schockiert zu sein. Die Frage, ob das nun alles gewesen sein soll, was mein Leben mit mir vorhat, hatte sich in mein Hirn gedrängt und bei Sonnenaufgang zu dem Beschluss geführt, die  für den übernächsten Tag geplante Operation werde ich nicht erleben. Ich will nicht sagen, es hätte sich von dem Moment an besser angefühlt, erinnere mich aber, irgendwie beruhigt gewesen zu sein. Es wird nichts geschehen, was ich nicht will.

Foto: Koßma

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Visite. Die „weisse Wolke“ ist an meinem Bett versammelt. Mir wird erzählt, wie harmlos der ganze Kram ist, der mit mir veranstaltet werden wird. Ich schweige, damit ich besser zuhören kann, immer auf der Suche nach einem Indiz dafür, mich geirrt zu haben. Alle lächeln mich an und vergessen, es gehört zur Ausbildung, das Lächeln am Krankenbett. Ich weiss Bescheid. Bis Morgen dann. Die Zimmertür schliesst sich. Vor dem Patienten wird nichts erzählt, aber hinter der Tür. Der Arzt diktiert, die karteiführende Schwester notiert. Geplaudert wird auch noch ein wenig. Das ist üblich. Ich nutze die Gelegenheit. Atemlos lehne ich am Türblatt und höre Satzfetzen über den möglichen Rest meines Lebens.

Still ziehe ich mein Resümee, will mit niemandem reden, habe keine Fragen mehr. Die werden im Verschweigen durch die Ärzte sowieso nicht ernst genommen. Damit wird mir versucht, meine Würde zu beschneiden. Das lasse ich nicht zu. Was nun zu bedenken und zu entscheiden ist, will ich nicht teilen, nicht diskutieren. Ich vertraue mir und traue mir zu, mich gut um mich zu kümmern. Mit mindestens 50% meines bis dahin gelebten Lebens hätte ich es verdient, ein gutes Erwachsenenleben zu haben. Die restlichen 50% hätte ich auch gerne ausprobiert und empfinde es als Unrecht, keinen Gutschein bekommen zu haben. So viele beschissene Kinderjahre und dann kaum ein paar Monate erwachsen sein dürfen. Gerade aufs Erwachsensein hatte ich so gebaut. Nun ist mein Leben zu Ende, bevor ich das erste Mal richtigen Sex hatte. Soviel also zur Behauptung, Hoffnung sterbe zuletzt. Bitte gerne nach mir. Ich bin zornig. Einfach so. Es ist wie Dampf ablassen.

Der nächste Morgen. Ich gehe ins Dienstzimmer der Schwestern – während die „weisse Wolke“ in den Zimmern am anderen Ende des Ganges ist. Ich kenne die Mittel und ihren Aufbewahrungsort und lächle nur, als die Visite später in mein Zimmer kommt. Ich habe Welpenschutz, ich armes Menschenkind. Alle schleichen sich hinaus. Ich bin eingeschnappt. Wer nicht „drüber“ reden will und das mit solchen Gesichtern tut, sagt mehr als er jemals hätte sachlich aussprechen können. Feiglinge, mit denen ich meine Gedanken nicht teilen will.

Foto: Koßma

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Der Abend. Damals hat es nicht an jedem Zimmer die eigene Nasszelle gegeben. Gemeinschaftstoiletten, wie heute an Autobahnraststellen, sind üblich gewesen. Nicht so hübsch. Nicht so modern. Ähnlich der Nachkriegsschulklos vielleicht. Da habe ich auf dem Toilettendeckel gesessen, in einer Hand ein Glas Wasser, in der anderen der Inhalt mehrere Röhrchen Schlaftabletten. Ich würde noch in mein Zimmer zurücklaufen und mich ins Bett legen können, fein zugedeckt einschlafen und am Morgen würde ich in Ruhe gelassen werden. ‚Lasst sie. Gut, wenn sie schlummert, dann regt sie sich nicht auf.‘ Es würde mir also niemand zu früh zu nahe kommen, nicht merken, das Schlummern ist längst überwunden.

In dem Toilettenraum ist es kühl und unruhig. Alle Patientinnen müssen vor dem Einschlafen nochmal. Spülungsrauschen. Andere Geräusche, Gerüche. Also schön ist das nicht. Ich rege mich auf. Nicht mal hier habe ich meine Ruhe. Mein ganzes kurzes Leben lang bin ich rumgeschubst worden und nun, da ich es freiwillig beenden will, muss ich mich auf so einem erbärmlichen Platz verkriechen. Nicht mal über Blumenwiesen laufen kann ich jetzt. Selbstmitleid tut gut. Die Tabletten in meiner Hand beginnen zu kleben. Ich habe einen Zettel im Nachttischschubfach, der die diensthabenden Schwestern entlasten wird. Kein Abschiedsgesang, nur das nüchterne Geständnis, die Tabletten geklaut zu haben.

Noch einmal konzentrieren, noch einmal überprüfen, ob das jetzt wirklich richtig für mich ist. Und zum ersten Mal denke ich nicht darüber nach, wie ich wohl leiden werden muss, wie elend wohl der Ausgang wird, wie grausam diese Krankheit ist, sondern ich stelle mir vor, ich nehme jetzt die ganzen Tabletten, sitze am nächsten Tag auf Wolke 7, schaue runter auf die Erde, schaue zu, wie ich gefunden werde und höre alle sagen: „Na meine Güte, die war doch nun wirklich nicht in Gefahr, das hätte sie doch geschafft. Jetzt hat sie ihr Leben so sinnlos beendet. Die hat sich nicht selbst getötet, die hat sich selbst ermordet. Was die noch alles hätte erleben können.“ Ich stelle mir vor, ich werde mich, so lange ich tot bin, darüber ärgern, nicht mehr zu leben, wenn ich jetzt diese Tabletten vorzeitig schlucken und beschliesse, damit bis nach der Operation zu warten. Damit sie, während ich im Operationssaal und später noch in Narkose bin, nicht gefunden werden, werfe ich sie ins Klo. Alle.

Darüber habe ich mich den Rest der Nacht geärgert, ich konnte nämlich nicht einschlafen und hätte wenigstes eine halbe Tablette gebraucht. Von einem Extrem ins nächste eben.

Morgens der Weg in den OP. Lange Gänge. Fahrstuhl. Ich bin sicher, nicht aus der Narkose aufzuwachen, sollte das Leben danach sich nicht lohnen.
Die Geräusche im Operationssaal erinnern mich an meine Ausbildung. Ich würde doch lieber zuschauen, statt hier zu liegen. Das kann ich nicht mehr sagen. Ich höre meinen Namen verwehen, will antworten, stattdessen schwebe ich ihm nach.

 

Foto: Koßma

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Mein Name holt mich ein. Oder ich meinen Namen? Glockenhelle Stimmen fordern mich auf, die Augen zu öffnen. Mitten im Nichts schwebt ein zartes rosiges Gesichtlein. Ein wenig verschwommen im rundum schwebenden wolkenweissen Weiss. Ich bin ganz ruhig. Es ist so schön. Ich bin also gestorben und es gibt tatsächlich einen Himmel, in dem es weitergeht. Alles ist gut. Nur die Engel haben keine Locken. Jedenfalls trägt der, der meinen Namen ruft, etwas hohes Weisses auf dem Kopf. Flügel sehe ich auch keine. Aber sonst ist es zauberhaft.

„SO! Nun wollen wir aber mal nach der Wunde sehen!“ Die diensthabende Schwester verliert ihr Engelgleiches abrupt. „Mal sehen, ob es Nachblutungen gibt.“

Was ist denn nur los?‘

Ich fühle mich aus dem Himmelreich geworfen. Diese Erkenntnis legt den Schmerzschalter um. Mein Bauch brennt innen und aussen. Der Bezug zum Leben stellt sich ein. Ich liege in (m)einem weissen Krankenhausbett, unter weissen Decken, weisse Vorhänge an den Fenstern, weisse Wände, die Schwester trägt ihre 7 faltige weisse Schwesternhaube zu ihrem weissen Kittel. Sie hat nie erfahren, wie zart ihre 150 Kilo Gewicht mir beim Aufwachen aus der Narkose vorgekommen sind.

Die Operation war so lala. Ich habe ja nur still da gelegen, die Ärzte die Arbeit gemacht. Damals ist der Mensch noch richtig aufgeschnitten worden, damit auch gut hineingeschaut werden kann. Wundschmerz von einem Beckenrand zum anderen und, ganz im Gegensatz zu heute, hat der Operierte ewig liegen müssen.

Foto: Koßma

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Zeit zum Nachdenken. Nein, so ist es nicht, sondern es denkt sich in mir. Ich bin sehr jung – aber lebenserfahren. Erfahren mit meinem Leben. In dieser Zeit werde ich, noch intensiver als bisher, mein Vertrauter. Ich erfahre erneut, auf mich kann ich mich verlassen und ich will das auch, das mich- auf -mich -verlassen. Was immer ich in meinem Leben entscheide, ich werde es vorher mit mir besprechen und nicht vorschnell oder absichtlich gegen mich handeln. Das ist ganz sicher. Mein Vertrauen zu mir tut mir gut, ist mir Schutz wogegen auch immer. Der  Unterschied zwischen selbstbestimmt sterben wollen und Selbstmord begehen, beginnt sich damals in mir zu formatieren.

Zeitsprung:

Zu wissen, ich kann entscheiden und es wird nicht über mich entschieden, hat sich in meinem Leben stetig gefestigt und ist eine wichtige Säule meiner inneren Sicherheit. Das Wissen, ich kann, wenn ich will, hat mich weniger ins Wollen denn ins Beruhigtsein geführt.

Was wichtig ist, zu wissen: Bin ich krank, egal auf welche Weise, will ich alleine sein. Das heisst nicht, ich will verlassen werden oder verlasse jemand. Ich will nur einfach alleine mit mir sein können. Ich will dann nicht reden müssen , nicht zuhören müssen. Das ist nichts anderes als sinnvolle Einteilung meines Energievorrates. Bin ich krank, muss der auf mich aufpassen, der mir am nächsten steht. Ich.

Besuch am Krankenbett ist, und das ist überhaupt kein Vorwurf, trauriger Besuch, sorgenvoller Besuch, stillschweigend fragenstellender Besuch, erzählender Besuch, unterhaltenwerdenwollender Besuch, angstvoller Besuch, viel erzählender Besuch, schüchtern abwartender Besuch, Einzelbesuch, Gruppenbesuch.

Ich empfinde das Ende der Besuchszeit als Zurückgelassenwerden auf einem Besucherschlachtfeld. Alle gehen entweder zufrieden: Na sie sah aber heute wirklich wieder gut aus. Oder sie sind alle unsicher: Also irgendwie sieht sie von mal zu mal schwacher aus. Oder sie sind alle so hoffnungsvoll: Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Ich habe es unzählige Male erlebt als Zuschauer, durch meinen Beruf oder als Patient im Nachbarbett und immer wieder festgestellt, ich bin anders und möchte es auch sein. Ich brauche die Sicherheit, meine Lieben plagen sich nicht mit meinem Anblick, dem dazu gehörenden Zustand herum und ich bin nicht gezwungen, mir die Haare zu machen und die Lipen anzumalen, damit sie denken, es geht mir besser als ich mich wahrhaft fühle. Ich will nicht lügen- es geht mir wirklich gut- und nicht belogen werden- Du siehst gut aus.

Foto: Koßma

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Für den Kranken das Allerbeste, aber nur, wenn alle anderen auch was davon haben?

Ich mag es anders. Ruf mich mal an, ist eine wundervolle Möglichkeit. Schreib mir einen kleinen Brief, ist altmodisch aber sehr liebevoll. Ich kann verstehen, Du willst mich sehen, es gibt wunderbare gesunde Fotos von mir. Überlass mich jetzt mir, bis ich mich wieder zur Verfügung gebe. Ich weiss, wie Du zu mir stehst, danke Dir dafür, dass ich es so sicher weiss. Das trägt mich, stärkt mich.

Foto: Koßma

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Es macht mich leicht und frei. Dazu bedarf es aber Klarheit. Es muss also darüber gesprochen worden sein, ausführlich und ungeschminkt, was gut ist, wenn es notwendig ist, gut zu tun, anders als sonst.

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(ACR)

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