Gedankenleiter

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Ausgangspunkt:

Zwischen Geburt und Tod steht das Leben und zwischen Leben und Tod das Sterben. 

Dieser Weg ist in seinen einzelnen Etappen nicht einkürzbar.

Glücksexperten gibt es allenthalben. Solange die sich untereinander und miteinander beschäftigen, ist es deren Sache. Wer sich dafür interessiert ist beglückt. Glücklichwerdrezepte von Moderatorenkarten abgelesen. Helles Lachen. Tosender Beifall dem Komödiant auf der Bühne. Ich bin nicht sicher, ob ich in allen Einzelheiten wissen will, an welcher Stelle mein Hirn sich färbt, wenn ich lache, singe, liebe und wende mich solcherlei Gerede nicht zu. Lachen hat einen so umfassenden Zauber, ich will ihn mir nicht wegquatschen lassen. Ich glaube an Glück als Erinnerung. Glücksmomente sind keine Glücksmenüs.

Ich bin über 60. Ich darf erlaubnis- und zustimmungslos glauben was ich will. 

Liegt es am Novemberblues oder warum stürzt(e) sich das Fernsehen (in der vergangenen Woche) vehement auf das Glück?
Soll das Fernsehvolk glücklich gequatscht werden, so kurz vor Weihnachten.
Ist das eine Wahlnachsorgeundgrossekoalitionsvorsorgebehandlung. Da ich wenig fernsehe, habe ich die Themenwoche über das Glück beinahe verpasst.

Aufmerksam bin ich beim Surfen geworden.
Es ist ums glückliche Sterben gegangen. Ob es das gibt oder nicht.
Einige ganz intime Augenblicke sind beschrieben worden. Momente des Sterbens. Auch Sterben als jahrelange Pein des Sterbenden. Die Diskutanten haben nicht (nur) über sich und ihre Vorstellungen über ihr eigenes Sterben gesprochen. Nicht die Tatsache des Todes, sondern über das Sterben bereits Gestorbener. Bis in die Einzelheiten aufgeblätterte Sterbeszenen. Eindrucksvoll hingeredet.

Unglaublich leidende und verständnisvolle Anwesende am Sterben anderer Teilnehmenden, sprechen über nicht mehr teilnehmende, inzwischen gestorbene ehemalige Beteiligte des Sterbens. Der einzige Unterschied, die einen haben über ihre Angehörigen gesprochen und andere über fremder Menschen Sterben.

Ich habe nicht das Gefühl, es geht um die Gestorbenen, sondern der Lebenden aufreibendes Los des zuschauenden Mitleidens soll dem Volke in allerlei tränen-gebärenden Farben beschrieben werden.

Ich bin befremdet. Datenschutz über das Leid anderer scheint es nicht zu geben.

(Du hast Dein Sterben gelitten, ich habe dadurch gelitten, Du lebst nicht mehr, deshalb leide nur noch ich und aus genau diesem Grunde darf ich alle beteiligen, an meinem Leid, gelitten zu haben, was Du zu Ende gelitten hast. Ich bin übrig. Ich habe alle Rechte an Deinem Gestorbensein.)

Ich schalte weg, weil ich nicht wissen will, wie jener Gelehrte, dessen Bücher ich gelesen habe … Bin erschüttert.

Ich schalte wieder zurück und erfahre, eine ganze Familie hat stundenlang die Hände und Füsse und Schultern einer Sterbenden in den einzelnen Familienmitgliederhänden gehalten und das Ganze ist auf dem Schosse der Tochter verbettet und ich erschrecke und hoffe, meine Familie verwechselt nicht Gehenlassen mit Festhalten und Abschied nehmen mit Selbstmitleid. Ich stelle mir vor, eine Mutter von 7 Kindern und anderen Familienmitgliedern hat gar nicht genügend festhaltbare Körperteile, um allen Bedürftigen den Halt zu geben, sagen zu können, sie sei in deren Armen oder Händen gestorben. Klingt „Und so starb sie unter und in unseren Tränen“ nicht noch beteiligter, noch aufopfernder, noch glorioser?

Wer weiss denn, ob ein Sterbender nicht hört, wie die Tränen tropfen, die Seufzer quellen, die bisher ungesagten Worte sich vermischen mit dem Wirbel der inneren Sterbegeräusche?

Und dann beschenkt auch noch eine Sterbebegleiterin die Welt mit der Erkenntnis, wie unglücklich, vor allem aber unwürdig und einsam ein Mensch ist, sollte er alleine sterben müssen. Lieber sollte ein Fremder am Bette sitzend des Sterbenden Hand halten als gar Niemand. (Nicht gar niemand, sondern absichtlich gar Niemand geschrieben!)

Zu guter Letzt wird auch noch diskutiert, ob eine Patientenverfügung Feigheit ist oder Abwälzung von Verantwortung. Da wird mir endgültig übel, ich schalte die Kiste bei beginnendem Schlusswort der Gastgeberin aus.

Das muss(te) ich erst mal „setzen lassen“.

Nun „sitzt es“:

Deshalb mehr …

 

(ACR)

 

 

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