Zweitens. Glaube des Erlebten.

Lebensfreude

Lebensfreude

Die Faszination einer Persönlichkeit. Oder: Eine Nonne spricht von der Liebe und gibt Hausaufgaben auf

Der Mensch ist ein Individuum. Das erweist sich immer neu. Ob im Ordenskleid, Latzhose, Minirock, in Stöckel- oder Turnschuhen, barfuss oder Sandalen, des Menschen Tun macht sein Leben aus. Des Einen Handeln hat gar oft wegweisenden Anteil an dem anderer. Dabei ist selten ausschlaggebend, woher der Mensch kommt. Wichtig ist, wohin er will. Zugegeben, manchmal wird Interesse zum Motor, über jemand mehr erfahren zu wollen, das Woher und Warum zu begreifen, ihm gar ein Stück zu folgen.

Es gibt sie, die Leuchtfeuer unter den Menschen, sie kommen nicht daher, sie erscheinen, sie betreten keinen Raum, sie füllen ihn. Es reicht, an sie zu denken, um in ihrer Gesellschaft zu sein.

So geht es mir mit Sr. Teresa. Sie ist Ordensschwester, ich nennen sie -meine allerliebste Lieblingsnonne- und schenke ihr, wann immer sich die Gelegenheit ergibt, Bohnen. Grosse, bunte Bohnen, die sich sehr gut auffädeln lassen würden. Sie lacht darüber herzlich, kocht daraus eine köstliche Suppe und meinen zarten Hinweis auf den Rosenkranz, lacht sie weg und behauptet, ich sei süss.      

Wer ihre Lebensgeschichte kennt, ihre Bücher gelesen oder ihre Vorträge gehört hat, kurz, wer, wie auch immer, in ihre Nähe gekommen ist, erkennt, begreift, fühlt, diese Frau ist nicht dem Leben geflohen, als sie den Leistungssport an den Nagel gehangen und den Schleier genommen hat. Sie ist mitten ins Leben gegangen und es liesse sich trefflich darüber debattieren, ob sie sich vielleicht gar mit dem Skatebord aufgemacht und per Handy Kontakt zu dem alten Herrn da droben aufgenommen haben könnte. Zuzutrauen ist es ihr. „Na toll, lieber Gott“, heisst nämlich eines ihrer Bücher und es ist, wie alles -was sie im Auftrag und für ihren Herrgott- unternimmt, frei von Dogmen und ansteckend lebensfroh. Die Lektüre macht Staunen und Freude.

Im Frühling hat Sr. Teresa armeausbreitend auf unserer Terrasse gestanden und über den Balaton gerufen, wie schön des Herrgotts Erde ist, davon geschwärmt wie gerne sie ihren Geburtstag monatelang feiern würde und über den neuen Vortrag gesprochen, an dem sie damals gearbeitet hat. Von meinem Liebsten hat sie möglichst vieles über seine Reisen wissen wollen und staunend meinen Schreibtisch, meine Klunkerchen und alle meine hippppschen Hieeeetchen betrachtet. Kurzum, die Frau strotzt vor Liebe, Wissensdrang, Unternehmungsgeist und Heiterkeit.
Beeindruckend. Ansteckend. Sie zu beobachten ist wie am Gabentisch des Lebens zu sitzen und ohne Besteck essen zu dürfen.

Kürzlich. Eine Reise durch Deutschland hat mich natürlich auch zu ihr geführt und ich habe sie zu einem ihrer Vorträge begleitet. Legendäre Veranstaltungen. Sie hält keinen Vortrag, sie feiert, zusammen mit ihren Zuhörern, das Leben.

Eine Nonne spricht von der Liebe und ich glaube ihr.

Wahrscheinlich ist nicht mal seltsam, wenn eine Nonne von der Liebe spricht. Immerhin ist sie eine Braut Christi und im Brautstand, so wird allgemein behauptet, sei die Liebe am grössten.

Unzählige Male habe ich sie sagen hören, wie sehr sie Gott vertraut und ihre Liebe verleiht ihren Augen den Glanz, der sie zum Schmuck macht. Des Brautstands Glanz? Darauf vermag ich keine Antwort zu geben. Mir kommt es vor, wie wenn sie im Brautstand mit allem ist, was Belebung ausmacht und während ich diesem Eindruck folge, lache ich hell darüber, wie sich menschliche Faktoren unbemerkt zum göttlichen Funken wandeln. 
Natürlich sagte sie mir, Gott mache das Leben aus, fragte ich sie danach. Ich frage aber nicht.

Ich schaue ihr beim Gottlieben zu. Und das Tolle ist, ich muss nicht mitmachen.

In der Freiheit der eigenen Entfaltung habe ich jeden Raum, sie zu beobachten. Kinderlachen fliegt ihr entgegen wie bunte Schmetterlinge. Gestandene Landfrauen umarmen sie innig und wollen zur Erinnerung ein gemeinsames Foto. Erfahrene Unternehmer staunen respektvoll über die freundliche Wucht, mit der Sr. Teresa ihnen mit auf den Weg gibt, was sie für sich und andere tun können.

Auch ich höre ihr gebannt zu, will Fotos machen und vergesse es. Sr. Teresas spricht, nimmt mit in den Fluss der Gedanken, die Bilder malen und auch ganz banalen Alltag zum wichtigsten Tag krönen. Ihre Worte sind keine Losungen, keine Verallgemeinerungen irgendwelcher Psalmen. Sie spricht vom Leben. Und wenn sie über ihre erste innere Auseinandersetzung bezüglich des Hinhaltens der anderen Wange berichtet, löst sich die Gewichtigkeit der Stille im Saal im herzlichen, Lebensmut machenden Lachen auf. Ich sehe immer wieder zustimmendes Nicken. Überraschend viele Teilnehmer schreiben mit. So mancher wird zukünftig dem schreienden Gegenüber höflich und lächelnd erwidern: „Gut, dass Du des so laut gesagt hast, nun versteh‘ ich’s ganz bestimmt“. Die Erkenntnis, Wange hinhalten heisst auch und vor allem, nicht auf die gleiche Ebene begeben, so sie Dir nicht gefällt.
Zuletzt gibt sie Hausaufgaben auf und die Ernsthaftigkeit geht im Lachen nicht unter. Ich will nur ein kleines Beispiel beschreiben. Es solle ein jeder an diesem Abend seinen Nächsten umarmen, sobald er zu Hause ankomme. Sie sagt mehr dazu. Alle lächeln und freuen sich schon ein wenig voraus. Es ist deutlich, im Saal breitet sich herrliche Fröhlichkeit aus. Eine Zuhörerin kommt am Ende des Vortrags zu mir und bittet mich, Sr. Teresa auszurichten: Ihr Mann sei heute mit hier gewesen und nun schon alleine nach Hause gegangen. „Damit ich daheim bin, wenn Du nachher ankommst, hat er gesagt“. Die Frau lacht froh und will schnell heim.

Ich erzähle es später Sr. Teresa und sie freut sich, als höre sie das allererste Mal, wie gut sie den Menschen tut.

Was gibt sie mit auf den Weg? Was gibt sie her von sich? Was lässt sie da?
So vieles. Ich habe den Eindruck, sie lässt alles da – was sie hat und geht doch reicher als sie angekommen, verliebter als sie je gewesen ist und glücklicher als ein einzelner Mensch einfach so sein kann.

Und während viele ihre Bücher signiert haben und noch ein paar persönliche Worte sagen oder abholen wollen, schaue ich diese Frau an, meine Lieblingsnonne, und möchte weinen, voll von Freude. Sie ist so kraftvoll, so freudvoll, so sicher in sich ruhend, niemand kann sich dem entziehen, was sie, als kleines Licht entzündend, mit auf den Weg gibt.

Der Saal leert sich. Ich sehe ihre Erschöpfung. Sie geht zum Auto und angesichts der bevorstehenden Fahrtstunden- sie sitzt immer selbst am Steuer- dankt sie ihrem Herrgott für die Freude am Gelingen dieses Vortrags, bittet ihn, uns auf der Rückfahrt zu beschützen, fährt los und beginnt zu singen. Es klingt gut, die Melodie ist zärtlich, der Text weise. Ich frage, was das für ein Lied ist und erfahre: „Das ist aus meinem Musical: Ekklesia.“

Die Frau haut mich um.

Heute, am 15. Oktober ist ihr Namenstag- Teresa-. Dieses Jahr wird es ein ganz besonderer Namenstag sein. Aber dazu erst morgen …

Fortsetzung:

Drittens. Erleben des Glaubens.
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