1. Teil: „Kommen Sie hierher! Kommen Sie ran! Hier bekommen Sie´s billiger als nebenan.“

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Könnte es eines Marktschreiers Slogan sein? Hat das mal irgendwer gesungen? Könnte es aus Zille´s Tagen stammen? Ich weiss es nicht, mir ist nur gerade danach, damit auf einen Beitrag zu reagieren, den ein Blogger gestern ins Netz gesetzt hat.

Ich habe den Blogger als authentisch erfahren, glaube ihm und lese ihn deshalb.
Das Internet ist jedoch voll von Erlebnisberichten, Fragen, Erfolgsgeschichten, Autorenforen, „Protest- und Klageliedern“, und vielem mehr. Bunt gemischt sind nicht nur die Meinungen. Auch die Stimmungen schwanken und die gegenseitige Häme ist wahrscheinlich genauso verbreitet, wie die Suche nach Solidarität.

Wichtig- alle Facetten dazwischen sind ebenso vertreten.

Nun denke ich nicht das erste Mal darüber nach, mich auf das Thema einzulassen. Nur tippen- aber- will ich nicht. Es muss reifen, was gesagt sein will. Brennen muss die Folge eines Funkens sein.

Ganz so ist es nicht. Schon oft habe ich dazu etwas geschrieben, immerhin ist vor nicht allzulanger Zeit ein Slogan durch die Welt geprügelt worden, der die Was-krieg-ich-billig-oder-gratis-Erwartungshaltung vieler Verbraucher weitgehend geprägt hat.

Schon 2007 habe ich in dem Zusammenhang meine Empörung zum Ausdruck gebracht.

Wenn das geil ist- möchte ich keusch leben!

Inzwischen ist aus dem Ursprungsslogan geworden, was ich ganz privat als schrecklich pppplumpppp abtue. Hat da wirklich jemand erkannt, wie gefährlich solche Strömungen sind? Und mal angenommen, nun gelte es als besonders klug, Geil für geil zu halten und das auch noch durch alle Medien zu pusten, will ich wirklich lieber als bleeede gelten und keusch leben.

Hierher passt sie nun, meine direkte Antwort auf Gratisaktionen.

Ich werde keine einzige PR- Aktion damit verbinden, meine eigenen Bücher zu verschenken. Es wird, meine Arbeiten betreffend, keine Preissenkung geben und keine Nullpreisrunden. Und ich glaube auch nicht daran, dass Billig- oder Kostenlostage das Potential einer Arbeit tatsächlich wertschätzen lässt/kann/lassen will.

Gleichwohl bin ich nicht weltfremd. Ich weiss, es gibt allerhand Tische, auf denen die Milch für die Kinder das Wichtigste und trotzdem oder gerade deshalb das Lesen zur Insel im Alltag geworden ist. Es darf nicht sein, dass Menschen sich Bücher nicht leisten können und keinen Zugang bekommen. Deshalb gibt es Bibliotheken. Ich plädiere, ohne ein Konzept dafür zu haben, auch für eine freie eBook- Bibliothek.

Die vielen kostenlosen Lese Apps sind die Antwort auf die Fragen, wie teuer wohl ein Reader ist. Das macht LeserInnen weitgehend unabhängig. Viele wissen es gar nicht, dass kein teurer Reader nötig ist, um eBooks zu lesen.

Das Argument, ein unbekannter Autor brächte sich mit Gratisaktionen erst einmal in den Blickwinkel der potentiellen LeserInnen, scheint mir nicht stimmig. Ich sehe zum Beispiel durchaus bekannte Autoren, mit entsprechendem Ranking immer wieder in 5- Tage- kostenlos Aktionen. Jemand hat mir mal geschrieben, solche PR – Aktionen hätten den zusätzlichen Vorteil, gemeinsam mit anderen in der Empfehlung aufzutauchen: „Wer den Artikel kaufte- kauft auch …“. Es sei sozusagen das Schlepptau an jemanden, der sein Buch mit Erfolg verkaufe. Inzwischen habe ich sowas eine Weile verfolgt und festgestellt, oftmals reiht sich Kostenlosartikel neben Kostenlosartikel ein. Na fein, wenn das damit erreicht werden wollte, hat es geklappt. Ausserdem bin ich zu stolz, mich darüber freuen zu sollen, neben einer preisgünstigen Mikrowelle aufzutauchen, die sich die bestellen, die das Einloggen gleich sinnvoll nutzen wollen und schon immer genau die haben wollten, weil sie „draussen“  5 Euro teurer ist und hier kostenlos geliefert wird.

Puhhh! Tzzzz!

Immer wieder, und vor ein paar Tagen ganz aktuell, flattern die Einladung zu -zig Veranstaltungen ins Postfach. Viele Veranstaltungen entpuppen sich als —> (m)(D)ein „Klick“ Sammeln für irgendeinen Wettbewerb.
Diese: „OhGottichbinsoaufgeregtnurnoch1000KlicksundichhabedenerstenPreis“- Aktionen finde ich schandbar. Ich nutze absichtlich genau den Begriff, der mir für so etwas einfällt. Schandbar- Schande! Und ich finde es weder fein, noch kollegial, noch irgendwie gerechtfertigt und schon gar nicht harmlos, den Markt dermassen zu verwischen. Schon gar nicht kann ich den Wert solcherlei Wettbewerbe erkennen, deren Veranstalter sich  über das Zustandekommen der Zahlen im Klaren sein müssten. Es wird zum Verkaufsschlager gemacht, was vorher Klicks gesammelt hat? Ich habe wirklich meine Zeit damit verschwendet, nachzulesen, welche Kommentare es gegeben hat und bin nicht überrascht gewesen über solche: „Habe gevotet und nun stehst Du auch auf meiner Wunschliste für Bücher, die ich noch lesen will.“

Na prima, das Gegenteil von Kostenlos klappt also auch? Zukünftige LeserInnen schon mal dafür voten lassen, dass sie später etwas kaufen, was sie vorab ins Preisspektrum klicken? Jetzt sag mir niemand, das habe was mit „gönnekönne“ zu tun. Für mich hat das eher was von einem Bockwurstverkäufer, der mit seinem Bauchladen schreiend durch die Gassen läuft und ruft: „Bockwurst, heisse Bockwurst! Senf und Brötchen gleich, Wurst später!“

Da ist fast schon normaler und nachvollziehbarer, wenn jemand behauptet, Bestseller bedienten sich ganz selbstverständlich anderer Autoren Texte als Platzhalter und vollkommen ungerührt davon, was sie wirklich vermögen, wäre bald Usus, den Jubel der Verbraucher anzunehmen und sich feiern zu lassen, für …. ja wofür bitte?

Es sind also nicht nur die KostenlosTage, die nichts über den Wert eines Buches sagen, sondern die KlickmichDumusstmichjanichtlesen Ergebnisse tragen noch eine Menge Abwertendes bei?

Es gibt noch vieles dazu zu sagen, aber vorher mache ich einen kleinen Gedankenbogen:

Abseits vom Schreiben gibt es ungeheuer viele talentierte, fleissige, hochbegabte Menschen, die etwas schaffen und anzubieten haben.
All jene müssen sich etwas einfallen lassen. Die Ware soll zum Kunden, das Werk an die Öffentlichkeit, die Idee an den Produzenten.

Nehme ich den Koch, der gerade ein feines kleines Restaurant eröffnet hat, den Kneipier, mit seiner Eckkneipe, den Imbissbetreiber, der die besten Bratwürste der Region anbietet. Nehme ich das Hotel, dessen Existenz sich genauso über Auslastung rechnet, wie die des Pizzabäckers mit Hauslieferung.

Sollten alle auf die Idee kommen, nur kostenlose Bewirtung und Beherbergung schaffe das Potential zukünftig zahlender Kunden, wäre es möglich, sich regelmässig satt zu essen und gut zu schlafen, ohne auch nur einen Euro dafür ausgeben zu müssen.

Das sei übertrieben dargestellt? Na- im Vergleich zur Gratisbücheraktion ist es sogar sehr- sehr- sehr ähnlich, denn der Verbraucher sieht vom Buch nur den „Blick ins Buch“ und in Restaurants kann er maximal Geruch und Aussehen einer Speise prüfen, bevor er festlegt, wofür er Geld ausgeben will. Und Nahrung ist es allemal- geistige und die für den Magen. Körper und Geist … Aber bitte- gern- wir können ebenso die Gilde der Friseure, der Schneider, der Schuster und der Bäcker als Vergleich heranziehen. Am Allerallerallerbesten alle gemeinsam, wir hätten dann nicht nur einen vollen Magen, sondern sähen dabei auch noch Klasse aus. Und wären da noch die Fotografen involviert, gäbe es sogar tolle Beweisfotos. Hochglanz gewünscht? Na bitte – aber gerne- kostet gerade nichts! Dann kommen Sie doch sicher morgen wieder für neue Fotos, die kosten dann ganz wenig, aber immerhin. Nein? Wenn Sie heute ein Foto haben, brauchen Sie morgen kein Neues, weil sie so schnell nicht anders aussehen, (nicht lesen, nicht wieder ausgehen)? Ach, Sie hätten es dann doch lieber gerne in Öl? Na, kein Problem, da gibt es viele Maler, die gerne ihre Bilder verkaufen würden. Sie können ja erstmal mit kostenlosen Schnellzeichnungen beginnen und dabei ihre Lager leeren und jedem noch eine Ölgemälde mitgeben. Sozusagen als kostenlose Zugabe für kostenlose Dienstleistung.

Ach? Sie kämen dann gerne wieder vorbei, wenn die neuen KostenlosTage beginnen? Irgendjemand muss immer grade was verschenken, weil er auf zahlende Kundschaft hofft?

Ach so … und nun?

Die Frage nach dem Preis ist eben kein Hinweis darauf – was es wert ist. Eher muss sich jeder Verbraucher fragen- was ihm etwas wert ist. Wer keine Pizza will, kauft sich keine. Auch Klasse. Und wer lieber die für 99Cent aus der Truhe will, durchaus verständlich.
Und ja, es kann sein, es geht jemand essen und nichts schmeckt ihm so gut, dass er sich hinterher nicht über die Rechnung ärgert. Dann isst er das nächste Mal etwas anderes oder geht gleich woanders hin. Sag mir einer, sowas käme nie vor. Wollten wir alle Risiken des Geschmackes – in jeder Beziehung- ausschliessen, lebten bald nur noch die allerletzten Einsiedler, voreinander verborgen in leeren Städten – wenn die Welt nicht schon längst entvölkert wäre. Geschmack ist Sinne beleben, Suche nach, Lust auf … er ändert sich, erweitert sich, legt sich gemächlich fest, schliesst nie aus, lässt offen, macht reich, schafft Werte, ist (es) wert …

Und- eben kein Menü und/oder keine Pizza zu verschenken, und trotzdem an die Tafeln zu liefern, schliesst sich gegenseitig nicht aus, sondern bedingt sich.

Fortsetzung – 2. Teil 

Im Spiegel der anderenEntdeckungsreise der Momente

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