Sex sells und BDSM noch mehr? Verkaufstrategie oder Lebensfragment ???

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„Kommen Sie hierher! Kommen Sie ran! Hier bekommen Sie´s billiger als nebenan.“

Publiziert am 24. Januar 2013 von Charlotte

Leseprobe:

„Im Spiegel der anderen“

 

( … )

Nach einer kleinen Weile steht Martin hinter ihr, fasst in ihren Nacken, zieht ihn nach hinten und küsst sie. „Komm mit, ich will dich jetzt.“ Langsam steigt sie, geschoben von seiner Hand, die Stufen hinauf. Im oberen Zimmer brennen unzählig viele Kerzen. Der ganze Raum leuchtet, voller Zauber, im lebendigen Licht.
„Zieh dich aus.“ Martin sagt nur diese drei Worte.
Handelte es sich hier um einen Wettbewerb, wer sich am schnellsten aller Kleidungsstücke entledige, bekäme Anna den ersten Preis. Mit eckig flinken Bewegungen beginnt sie, ihr Kleid zu öffnen. „Nein, langsam, bewege dich langsam“, unterbricht er ihre synthetische Eile. Den Blick gesenkt, versucht sich auf besondere Weise zu bewegen. Anna will schön sein, sie will ihn erfreuen. „Nein A, sei, wie du bist, spiel mir kein Theater vor“. Er wird ungeduldig. „Ach, was soll denn das. Sei meine A und nicht irgendwer.“
Da entkleidet sie sich langsam, sicher und ohne über ihr Aussehen nachzudenken. Sein Lächeln bestätigt allgemeines Wohlgefallen. Nach und nach zeigt sich ihre Blöße. Martin kennt jede Stelle ihres Körpers. Gerade an den Oberschenkeln identifizieren sich ihre Jahre, deshalb behält sie die schwarzen halterlosen Strümpfe an. Er übersieht es großzügig. Sie weiß mit den Händen nicht wohin und legt sie nach hinten. Ihre Finger zupfen verstohlen die Spitze des Strumpfrandes unterhalb des Po zurecht.
„Nun zieh mich aus“, sagt Martin. Gerade will sie einen Hemdknopf öffnen, da tritt er einen Schritt zurück: „Nicht mit den Händen.“ Anna hebt den Kopf. Sein Lächeln fängt ihren hilflosen Blick. Sie versteht nicht. „Nicht mit den Händen“, wiederholt er leise und bestimmend.
Sie begreift, verharrt und nimmt in Brusthöhe einen Hemdknopf zwischen ihre Lippen. Wie sie an seinen Hals kommen soll, wird sie später enträtseln. Anna steht auf zehn Zentimeter Absatz und Martin überragt sie mit fast dreißig Zentimetern. Wackelig auf Zehenspitzen, die Hände auf dem Rücken, hat sie wenige Chancen, Balance zu halten. Obwohl Anna seine Wäsche wäscht und bügelt, ist sie absolut ahnungslos, Anzahl und Verschiedenheit der Verschlüsse, an der Kleidung eines Mannes, betreffend. Derzeit studiert sie geradezu akribisch den Facettenreichtum eines ganz banalen Männerhemdes. Jeder Knopf scheint einer individuellen Gebrauchsanweisung zu bedürfen. Sobald sie glaubt, sie habe den Dreh raus, bleibt einer im Knopfloch stecken oder rutscht wieder zur Seite. Martin zeigt unendliche Geduld und steht bewegungslos. Anna bleibt nichts anderes übrig, sie beißt sich im wahrsten Sinne des Wortes durch die Knopfleiste. Ihre Nase schubbert am Stoff.
‚Morgen ist Weihnachten’, denkt sie, ‚bis dahin muss ich das unbedingt schaffen.’ Sie kann nicht lachen, eben hat sie den letzten erreichbaren Knopf mithilfe der Zunge halb geöffnet. ‚Hoffentlich bekomme ich keine rote Nasenspitze. Damit sehe ich dämlich aus.’
Mit einem Trick überlistet sie die drei oberen Knöpfe. Sie zieht so lange an einer Seite des Hemdes, bis die aufspringen. Dazu muss sie halb um Martin herumlaufen. Der hält sich an der Tischkante fest, um Haltung zu bewahren. Zunächst verweigert sich der Kragenknopf beharrlich. Martin keucht, sein Hals wird unangenehm eingeschnürt. Anna wundert sich über sein Japsen. Wenn sich jemand abrackert, dann wohl sie. Aus reinem Selbstschutz hilft er nach.
Von der Unterstützung bekommt sie nichts mit. Sie ist stolz, es geschafft zu haben, verliert kurz den Halt und hoppelt zwei oder drei Schritte zurück. Das Hemd hängt locker an Martins Körper.
Anna versucht, sich größer zu machen. Anatomisch ist das unmöglich. Also hüpft sie kurz hoch. Sie will den Kragen mit den Zähnen fassen. Beim ersten Versuch beißt sie beinahe in Martins Schulter. Beim Dritten gelingt es. Sie zerrt an der Kragenecke und hat das Gefühl, ihr Hals verlängere sich unnatürlich. Elegant sieht es nicht aus, und Wirkung zeigt diese Anstrengung auch nicht. Das Hemd bewegt sich kein Stück. Martin auch nicht, er schwankt nur kurz.
Mit fest geschlossenem Mund kann Anna nur durch die Nase atmen. Peinlich berührt vernimmt sie ihr Schnaufen. ‚Wie machen die das nur immer in den Filmen?’, überlegt sie angestrengt. ‚Eine Handbewegung und schon steht jemand nackt da.’ Die Unsinnigkeit des Vergleiches bleibt ihr verborgen. Dürfte sie die Hände benutzen, beschäftige sie längst anderes.
Anna steht derweil vor einer wichtigen Entscheidung. Entweder sie gibt den Kragen wieder frei oder zieht solange daran, bis er abreißt oder das Hemd letztendlich doch noch herunterrutscht. Zäh bewegt es sich über Martins rechte Schulter. Damit ist der erste Schritt getan. Schließlich fällt es zu Boden.
Sie wagt einen Blick nach oben. Martins Augen sind geschlossen. Er vertraut wohl ganz und gar darauf, dass sie ihm die Verschlüsse nicht einfach abbeißt. Die Verhältnismäßigkeit ändert sich, für die kommende Aufgabe ist Anna zu groß. Sie kniet nieder. Beim Gürtelöffnen nimmt sie reflexartig die Hände zur Hilfe. Martin verhindert es und bindet sie ihr auf dem Rücken zusammen. Er hat sie also immer im Blick. Anna schafft, das Gürtelende weit zurückzuschieben. Die so entstandene Schlaufe erhascht sie mit den Zähnen und quält sie aus dem Verschluss. Sie beißt auf den Lederriemen und beugt sich weit zurück. Der Metallstift verliert seinen Halt. Anna atmet ein paar Mal tief durch, bevor sie ihn durch die Schnalle zieht. Der Gürtel ist geöffnet.
Ihre Lippen brennen. Sie benetzt sie mit der Zunge. Unterdessen begutachtet sie ratlos den Reißverschluss. Unter solch erschwerten Bedingungen ist er ein wahres Problem und hat ganz offensichtlich eigene Grundsätze. ‚Sonst fasst man gedankenlos den kleinen Anhänger, zieht dran und schwups ist er auf“, sinniert Anna. ‚Wie mache ich es nun?’
Die Frage ist sekundär, es muss herausgefunden werden, ist der Schieber zu winzig oder ihr Mund zu groß? Mit der Analyse mag sie sich nicht aufhalten. Nach unzähligem ergebnislosem Ertasten bekommt sie ihn endlich zwischen die Zähne. Für ihre derzeitige Pose bekäme sie miserable Haltungsnoten. Sie zögert. Soll sie sich fallen lassen und ziehen? Oder soll sie sich größer machen und nach unten drücken? Die erste Idee war Blödsinn, das funktioniert nicht. Die zweite Variante klappt, wenn auch nicht beim ersten Mal.
Die Reihenfolge ist falsch, sie hätte zuerst den Metallknopf öffnen müssen. Nun hat Anna mit dem eine ausgesprochene Mühsal. Er sitzt fest, sie denkt ernsthaft darüber nach, ihn einfach abzubeißen. Wenn man etwas nicht erwartet, funktioniert es am Besten. Plötzlich geht das Ding auf. Sie greift mit den Zähnen den Hosenbund und zieht ihn nach unten.
Martin hebt ein Bein nach dem anderen, die Hilfe gewährt er gern.
‚Eine Jeans muss mindestens zwei Kilo wiegen’, denkt Anna und schleift das Ding zur Seite. ‚Na, ob das ein erotisches Bild abgibt, wage ich zu bezweifeln.’ Dann konzentriert sie sich auf den Slip. Theoretisch müsste er einfach nach unten rutschen, sobald sie daran zieht. Praktisch muss sie ihn zuvörderst übers Becken bekommen, dann gleitet er tatsächlich von allein.
Unabsichtlich und nur ganz wenig beißt sie in Martins linken großen Zeh, aber irgendwo muss sie die Socken greifen können.
‚Fertig.’ Anna hofft inständig, es möge ihm nicht gefallen, sie die Sachen auf gleiche Weise auch noch ordentlich zusammenlegen zu lassen. Da sagt Martin ganz ruhig und jedes Wort betonend:
„Und jetzt einigen wir uns auf ausgesprochene Vorsicht. Du wirst deine Zähne ab sofort nicht mehr zum Einsatz bringen.“ Prustend lacht sie auf.
„Ich werde mir nicht selbst schaden.“ Er stellt fest, sie habe ganz egoistische Seiten. Anna antwortet nicht.
„Brav“, seine Stimme ist weich und atemlos, „mit vollem Munde spricht man nicht, meine A.“
Später steht sie an einem Balken. Martin streichelt sie mit einer Feder. Sie möchte schreien vor Ungeduld. Dann bäumt sie sich unter seinen Händen, oder was immer sie treffen mag, lustvoll auf. Ihre Arme sind nach wie vor gebunden. Er hat sie über ihren Kopf an einen Haken gezogen. Sie kann sich bewegen, aber nicht entkommen. So fühlt Anna die Freiheit der Fesseln und die eines scheinbaren Schmerzes, der sie ganz zu sich finden lässt. Zeit und Raum verlieren ihre Bedeutung.
Weich und biegsam liegt sie Stunden später auf Martins Armen. Er trägt sie durch den Hausflur und legt sie im Nachbarzimmer auf eine Liege. Ihre Körper werden Eins in Lust und Gier.
„Wohin fliegst du?“, fragt er Stunden später. Anna liegt auf ihm, hört seinen Herzschlag und seine Worte. Sie flüstert:
„Ich würde dich so gerne mitnehmen und dir meine Welt zeigen. Der Weg zur Erfüllung ist lang und weit und weich und hart und was nicht alles er zu sein vermag. Ich erlebe nicht einfach einen oder zwei oder wie viele Orgasmen. Ich erlebe mich, fühle mich, bin restlos frei und ohne Denken, darf sein, was und wie ich bin. Erlösung ist bedeutungslos, im Vergleich mit dem, wohin du mich schickst. Ich fliege in ein warmes, zauberhaftes Licht.“ Sie schließt die Augen und schweigt. Er nimmt das Signal auf und fragt nicht weiter. Beide verweilen still in sich, und scheinen einzuschlafen. Nur die sanften Bewegungen seiner Hand auf ihrem Leib zeigen, zumindest er ruht nur. Nach einer unbemessenen Frist sagt er:
„Und ich wünschte, ich könnte dich mitnehmen, wohin du mir möglich machst, zu fliegen.
Am nächsten Morgen: Sie frühstücken und besprechen den Ablauf der Feiertage. Die Familie hat eingeladen. „Wir fahren morgen auf jeden Fall sehr früh, damit wir in keinem Stau landen. Erster Feiertag, da ist was los auf der Autobahn“, sagt er und deutet an, er habe keine Lust auf den Trubel. „Am liebsten wäre mir, wir blieben zuhause.“ Anna schlägt vor, einfach alle einzuladen und er legt fest: „So machen wir es auch im kommenden Jahr.“ Sie bringt die Zeitung und deckt den Tisch ab. Martin hält sie am Arm fest: „Lauf nicht weg.“ Er zieht sie zu sich aufs Sofa. Sie kuschelt mit dem Kopf auf seinen Knien, die Beine ganz bequem auf der Lehne. Martin legt die Zeitung beiseite. Sie schauen sich in die Augen.
Ahnte Anna an diesem Morgen des Heiligen Abends, welche Prüfung das Leben für sie reserviert hat, sie würde ihre Arme um Martins Schulter schlingen und ihn nie wieder loslassen. So aber liegt sie einfach auf seinem Schoß und vergisst die Welt.

( … )

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