… Allgemeines und Besonderes über Flügel und andere Gehhilfen …

Copyright by Koßma

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Das hat mir eine Leserin geschrieben. In Facebook, „einfach so“ steht da:

„Charlotte, du die du so viel erlebt, verlebt, gedemütigt, wieder aufgestanden bist – bitte sag mir woher du deine Kraft genommen hast. Ich glaube wenn ich jetzt anfangen würde zu schreiben was in mir passiert, dann würde der Mond die Sonne verschlucken………….. aufstehen und weitergehen, das war immer meine Devise, aber es geht nicht mehr, ich bin liegen geblieben und kann nicht mehr fliegen, wo sind sie geblieben meine Flügel, weisst es du? Ach Charlotte, du meine Stärke, weisst du wo ich meine Flügel wieder finde?“
 
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Liebe unbekannte Freundin,
wenn Du mich so direkt fragst:
Ich bin sicher, Du hast sie – wie immer- bei Dir, Deine Flügel.
Ich glaube:
Das Bild, von den eigenen Flügeln getragen zu sein, auffliegen, wegfliegen zu können, liegt im Wunsch des Menschen, sich seine jeweils aktuelle Situation von aussen, von oben, aus der Entfernung betrachten zu können.
Gesehen zu werden, zu sehen.
Vielleicht hat das etwas mit Genuss zu tun, vielleicht aber auch mit einem gerüttelt Mass an Selbstliebe, überleben, weiterkommen wollen.
Nicht wichtig, was und warum. Es macht Leben bunt und reich – und ist somit gut.
Von Kindesbeinen an haben wir die Möglichkeit zum Lernen, wie wir mit unseren Gaben umgehen. Und unsere Flügel rechne ich zu den Gaben.
Vor lauter Glück die Flügel ausbreiten und in den Himmel fliegen können, wie oft hat der Mensch diesen Eindruck.
Andererseits erlebt wohl jeder auch die harte Landung, den Absturz.
Ich erinnere, mich gefühlt zu haben wie wenn mir im himmelhohen Flug bei vollem Bewusstsein beide Flügel mit einem stumpfen Messer amputiert werden, als ich entdeckte, ich bin auf einen unfassbaren Schwindel hereingefallen. Das sicherlich menschliche und doch schmerzverstärkende hämische Feixen der vermeintlichen Sieger bohrt sich zusätzlich ins bereits ausgeweidete Leib und reisst die Federn aus den amputierten Flügeln, auf dass sie sich weit verteilen und mühsam zusammengesucht werden müssen, will der Mensch nicht immerwährend flugunfähig bleiben. Und ebenso menschlich führt der nächste, nach dem Heilewerden -wieder- möglich gewordene, Flug über die vorher Feiernden und eine Siegesfeder tanzt gen aktuelles Jammertal der nunmehr Flügellahmen. Niemand überlebt ewiglich im Glücksfeuer und in einem von anderen kopiertem schon gar nicht.
Wer ist moralischer? Der, der zuerst oder erst später lacht?
Durch all diese Flugerfahrungen bin ich, auf meine Art, immer ein wenig weiser geworden und auf dieser Grundlage mit den gleichen Flügeln schon mindestens ein Dutzendmal in hellem Glück von hier rund um die Erde bis zum Mond und wieder zurück geflogen, und wahrscheinlich habe ich ebenso oft ihre Brüche ausheilen und die Federn wieder richten müssen.
Es gibt da so einen Spruch. Ich mag ihn nicht, aber ich mag Sprüche sowieso nicht. Mit seiner Hilfe wird behauptet, es sei egal, wie oft -man- hinfalle, es sei nur wichtig, -man- stehe einmal mehr auf. Und wie immer bei Sprüchen, wenn es konkret sein muss, wird „man“ ins Feld gejagt. Keiner kennt ihn, niemand hat ihn je gesehen, aber jeder weiss, der „man“ macht alles richtig.
In der inflationären Benutzung dieses Spruches ist er schon so abgeschabt, klingt wie Waffe oder Gutachten für Geisteszustand. Wer nicht sofort aufsteht, wenn er auf der Nase gelandet ist, gilt nix. Hinfallen, rucki-zucki aufspringen, Klamotten abputzen, Haare richten und mit einem lustigen Lied auf den Lippen im Hopserlauf weiter. Auf keinen Fall zeigen, wie tief und schwer die Wunde ist. Heutzutage bieten allerhand Leute, ohne irgendwelche fachlichen Hintergründe, sogar an, andere -gebührenpflichtig- zu belehren, wie sie schnell wieder auf die Beine kommen und ganz bestimmt nicht mehr in die Knie gehen oder gar hinfallen. „Für 300 Euro erfahren Sie in sechs Doppelstunden, wie Sie nach jedem Hinfallen wieder aufstehen können. In fünf weiteren Doppelstunden erfahren Sie für 700 Euro, wie Sie nie wieder hinfallen. Haben Sie nur 120 Euro und eine Stunde Zeit? Dann lassen Sie sich wenigstens zeigen, wie Sie ganz galant auf die Fresse fallen können.“
AdlerLiebe unbekannte Freundin, ich verrat Dir (m)einen Trick.
Ich habe mir immer weniger von anderen über mich sagen lassen. Ich habe mir erlaubt, mich selbst auszuprobieren und so lange auf dem Boden zu liegen, bis ich eben wieder Kraft habe, mich aufzurichten. Dauert das länger, dauert es eben länger.
Denn: Mit diesen inneren Flügeln zu fliegen ist leicht, das kann jeder, selbst im Vollrausch aller Sinne gibt es keine unmöglichen Lenkmanöver. Pipifax, Alltag, nicht mal eine Flügelnutzerlaubnis muss der Mensch dafür ablegen.
Im Grunde ist es auch so etwas wie langweilig, ständig zwischen anderen Höhenfliegern zu manövrieren und die besten Kunststücke an des Himmels Leinwand zu malen, damit des einen höchstglückliches Glück sich vom anderen doppelhohem Glücksglückglück unterscheidet.
Gelegentlich bin ich da oben, und zugegeben, es ist wunderbar.
Doch sag ich Dir, es ist ein hoher Gewinn des Lebens für mich, entdeckt zu haben, Flügel sind nicht nur zum Fliegen geeignet. Sie sind so wandelbar und damit so universell, der Mensch kann seine inneren Flügel gar nicht verlieren. Sobald er das verinnerlicht, kann ihm gar nicht geschehen, was er nicht selbst korrigieren kann.
Er muss (nur) seiner Flügel Handhabung entdecken und rundum ausprobieren. Die Frage ist: Gehört dazu Mut oder Gelegenheit? So gerne der Mensch auf die Gelegenheit verzichten möchte, braucht er sie, um sich selbst näher kennenzulernen und kennen zu lernen. Und in genau diesem Prozess wächst auch sein Mut.
Zugegeben, bisweilen habe ich es auch satt, das ewige Erfahrungen machen. Kaum ist das eine erreicht, qualmt beim anderen der Motor. Dann muss auch ich mich am Kragen packen und mir deutlich machen, das Leben ist mal viel und mal wenig bunt und wild. Das ist so.
Und wer immer es erfunden hat, man spricht da ja von einem weisen alten Herrn, der soll sich was dabei gedacht haben, (wird allgemein behauptet).
Wer bis zur Unterlippe in der Kacke sitzt, fragt sich zwar, was dabei der Grundgedanke des Hohen Alten gewesen sein könnte, möchte aber nicht, dass jemand dazukommt und auch noch Wellen macht. Deshalb wird über Glück wohl wesentlich lieber berichtet als über das, was einem gerade die unzufriedenen Tränen in die Augen treibt.
Wahrscheinlich habe ich deshalb meine Flügelerfahrungen bisher auch meist unöffentlich gemacht. Denn: Nicht immer bin ich geflogen. Das mit dem Aufstehen habe ich des Öfteren auch erst nach Monaten wieder geschafft. Manchmal aber habe ich wochenlang auf dem einem Flügel gelegen und mich an dem anderen des Weges ziehen müssen. Und war ich nicht mal dazu fähig, habe ich mich auf dem einen gebettet, mit dem anderen zugedeckt. Manchmal habe ich mich gewundert, wieso ich nicht losfliegen kann und später bemerkt, ich stehe auf einem Flügel und schlage mir den anderen dadurch wund.
Manchmal habe ich andere unter meine Flügel (Fittiche) genommen und nicht selten gemerkt, es sind allerhand dabei, die nur in fremde Nestern wühlen wollen.
Manchmal waren mir meine inneren Flügel Verband, manchmal die Schale, aus denen ich einen Schluck Wasser trinken konnte, manchmal Luftschaukel, manchmal Fächer für kühle Luft.
Ich werde im Februar 61 Jahre alt, meine Flügel haben für so ziemlich alles herhalten müssen. Ich wollte es längst schon mal sagen, hab`s nicht für so wichtig genommen, daraus extra einen Beitrag zu machen, doch heute passt es, und vielleicht hilft es Dir, Deine Flügel wieder zu sehen:
Ich bin krank, länger als ein Jahr schon- sehr. (Ich möchte meine Erkrankung nicht thematisieren und bitte keine Genesungswünsche oder Therapieratschläge oder Eigenerfahrungsbeschreibungen erhalten.) Ich habe keine Angst, meinem Inneren geht es gut. Ich bin mit mir eins.
Und doch: Immer öfter weiss ich nicht, wie ich über den Tag kommen soll, von Nächten kann ich gar nicht mehr reden. Schmerzen versuchen, mit allen Mitteln und rücksichtslos, die Oberhand zu erkämpfen und nicht immer gelingt es mir, sie wenigstens nachträglich in mein Lachen einzupacken.
Dadurch sind meine Flügel zerzaust. In ihrem derzeitigen Zustand wären sie nicht mal eine geeignete Füllung für Sommerbetten, die Farbe hat nachgelassen und so mancher Federkiel ist gebrochen. Von jedem Windhauch werden sie durcheinandergefleddert. Es sind aber meine, ich will sie nicht austauschen, sie sind erprobt, ich habe sie mein ganzes Leben lang schon. Ich stehe zu ihnen – wie sie zu mir.
krückeDerzeit habe ich eine formidable Falttechnik entwickelt, mit der ich meine Flügel in feste Stützen forme, die ich, unter die Arme geklemmt, als Gehhilfen nutze, an schlimmen Tagen, die mir Laufen sonst nicht ermöglichen würden. Sie knarren manchmal unter mir, versagen auch mal ihre Dienste. Sind eben Flügel, auch sie haben es mal gründlich satt. Mit ihnen humple ich nun bis in den März. Dann werde ich operiert und ich habe geplant, danach meine Flügel wieder zu entfalten und einer Grundsanierung zu unterziehen. Wer mich kennt, weiss, Lackschäden mache ich durch bunte Federn wett. (Fotos: Copyright by Koßma)

 

Federn (4) Federn (3) Federn (6)
Mir schwebt nicht unbedingt das Bild eines aufsteigenden Adlers vor, das hatte ich oft genug. Eher sehne ich mich nach dem Tanz eines bunten Schmetterlings. Nicht, weil der nicht so hoch fliegt, sondern weil ich auf diese Weise noch nie geflogen bin, und vielleicht- vielleicht, wahrscheinlich- wahrscheinlich neue Zauberhaftigkeiten entdecken werde, die ich sonst verpassen würde.
Also, liebe unbekannte Freundin, suche Deine Flügel nicht nur dort, wo sie üblicherweise für das Aufstehen oder für hohe, weite Flüge zu finden sind.
Schau nach, vielleicht schützen sie Dich gerade wie ein wärmender Mantel.
Da sind sie ganz bestimmt. Das weiss ich genau.
Ich umarme Dich
charlotte

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Gehhilfen

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