… gegen die Verharmlosung und Falschbeschuldigung

In ihrem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ schreiben Michael Tsokos & Saskia Guddat, dass in nur 28 % der Familien körperliche Strafen nicht oder nur selten vorkommen.
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Welch‘ Erkenntnis der Erwachsenenwelt. Und wie nun weiter?

Die Welt eines Kindes ist nicht klein, weil das Kind klein ist. Im Gegenteil, die Welt eines Kindes ist riesig. Spätestens, wenn ein Erwachsener erstmals wieder in seiner Kindheit Wohnung steht, wird er spüren, wie klein die Erwachsenenwelt erscheint.

Oft schon habe ich gefürchtet, daran zu verzweifeln, dass ausgerechnet die Erwachsenen, die eigentlich helfen wollen, inkonsequent sind, im Vergleich zu denen, die ihren Frust und ihre Hilflosigkeit an Kindern austoben. Ein Erwachsener, der ein Kind schlägt und tritt, schreit dabei nicht:  „Ich werde Dich jetzt misshandeln!“, sondern er schreit dem kleinen Bündel – Kind- sehr erwachsene Worte entgegen.

Der Buchtitel „Deutschland misshandelt seine Kinder“  ist gut gewählt, damit er ein Reisser ist, aber er wird keinem Kind helfen. Inzwischen haben sich die anfänglich nur medienwirksamen Versuche der Autoren meiner Meinung nach auch – wie Welle gegen Welle – aufgehoben.

Es wird drüber geredet- aber das wird es schon lange

Während die schlauen Erwachsenen sich mit Worten pudern, weinen sich angstgeschüttelte Kinder weiter in den Schlaf und bekommen ihre Wunden nicht versorgt. Kinder, die nicht vor dem Erwachsenwerden gestorben sind, haben gerade deshalb oftmals lebenslanges inneres Sterben vor sich.

Wer meint, dies sei übertrieben, beglückwünsche sich, davon keine Ahnung haben zu müssen. 

Dieser Buchtitel lässt jeden Versuch des Mutes zur Unmissverständlichkeit vermissen. Er wird den betroffenen Kindern nicht gerecht.

Deutschland als kindermisshandelnde Grösse gibt es gar nicht und es gibt Kinder als Deutschlands misshandelte Grösse auch nicht. Das sind Phrasen, die aufpeppen sollen, aber nicht verhindern oder gar retten. Damit wird nur die Mehrzahl der Eltern unter Generalverdacht gestellt. Eigenartigerweise werden nicht sogleich 72 % aller Kinder aufmerksamer betrachtet. Wie sollte das auch gehen. Und selbst wenn: Wer versteht denn wirklich, dass es nichts nützt, ein Kind zu fragen, woher es seine Wunden hat. Ein Kind hält immer zu seinen Eltern oder zu denen, vor denen es Angst hat. Sogar ein Erwachsener solidarisiert sich mit seinem Peiniger, dafür gibt es sogar eine wissenschaftliche Erklärung. Einem Kind kann gar nicht abverlangt werden, was nicht mal ein Erwachsener vermag.

Eines Kindes Angst ist stärker als Hoffnung und die Hoffnung aufs Überleben haben diese Kinder sowieso in sich, sonst stürben sie an der Enttäuschung an ihrem eigenen Leben.

Was in dem Buchtitel misshandeln genannt wird, ist sogar im internationalen Massstab Folter. Und mit dieser abgeschwächten Bezeichnung im Titel, wird der Inhalt und das daraus resultierende Gerede zum Plätschern missmutiger Missklänge misslungener Misstrauensverkündungen gegen Missstimmungen missratener Erziehungsversuche.

So liest es sich, wenn die Verharmlosung des Themas schon bei der Wortwahl beginnt.

Ich bin gegen jede Verharmlosung, und ich verabscheue die besonders, die schon bei der Wortwahl beginnt, weil sie gefährlich ist: weil Worte zu Gedanken werden und Gedanken zu Handlungen und Handlungen zur Gewohnheit. Da gibt es ganz grosse Philosophen, die das beschrieben haben und ‚ne Menge Trainer, die daraus sogar wochenlange teure sogenannte Workshops machen und trotzdem lassen es Erwachsene zu, dass genau gegen die Erkenntnis gehandelt wird.

Erwachsene lassen aus Gewalt Missbrauch werden und fühlen sich gleich nicht mehr so missverstanden.

Es ist kein Missverständnis, keine Missdeutung, es ist bei Erwachsenen Folter, denn es ist das gezielte Zufügen von psychischem oder physischem Leid (Gewalt, Qualen, Schmerz, Angst, massive Erniedrigung) an Menschen durch andere Menschen. Wenn das ein Erwachsener mit einem anderen Erwachsenen macht, gilt es als Folter.

Wenn das ein Erwachsener mit einem Kind macht, wird es Misshandlung genannt. Also gleich bedeutend mit: falsches Handeln, schief gegangenes Handeln. Diese Vorsilbe „miss“ – macht die Handlung zu etwas wie einem Missgriff, der Missdeutungen unterstellt und Missbehagen auslöst und nahahahatühührlihich moralisch missbilligt wird. (werden muss).

Das ist genauso verharmlosend, wie wenn ich sagen würde, es missfällt mir, mich aber abwenden und empört den Raum verlassen will. Es ist – wie wenn zu Mord und Totschlag nur Missetaten gesagt oder der Zusammenstoss zweier Autos als Missgeschick bezeichnet würde. Ein Mörder ist dann nur noch ein missratener Mensch und ein Raubüberfall ein mit dem Missbehagen des Opfers verbundener Missgriff. So wird Lüge zur Missinformation und Betrug zu Missverständnis.

Auf diese erwachsen- verlogene Weise werden Kinder nur misshandelt, also falsch behandelt, während Erwachsene untereinander sich der gegenseitigen lauthals der Folter bezichtigen, wenn der eine dem anderen wiederholt Leid antut.

Gleiches gilt für Missbrauch. Was bei Kindern Missbrauch genannt wird, heisst bei Erwachsenen Vergewaltigung. Missbrauch klingt nur wie falsches Benutzen, wie bei Tisch in die Serviette schnäuzen, wenn kein Taschentuch vorhanden ist.

Im Wort Vergewaltigung ist aber – ganz erwachsen- Gewalt schon als Grundbegriff enthalten.

Wenn ein Mann einer Frau in den selbstbestimmten Ausschnitt guckt, ist das Sexismus, treiben Erwachsene mit Nacktfotos von Kindern Handel, ist das nicht strafbar und wer sich darüber aufregt, verstösst gegen die demokratisch garantierte Unschuldsvermutung.

Dem unrechten Unterschied zwischen Erwachsenenwelt und Kinderwelt begegnen wir auch beim Thema Falschbeschuldigung.

Beschuldigt ein Erwachsener einen anderen Erwachsenen falsch, macht das mindestens das Leben des falsch Beschuldigten in seinen Grundfesten kaputt. Dem wird – endlich- spätestens seit dem Fall des Jörg Kachelmann und vor allem auch dadurch, dass J. Kachelmann das Thema Falschbeschuldigung unaufhaltsam zur Sprache bringt, immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Und es wird auch immer problematischer für Falschbeschuldiger/innen. Erwachsene bekommen also immer öfter ihre Chance auf Gerechtigkeit. Oft viel zu spät, aber nicht mehr aussichtslos.

Wie ist es bei Kindern? Wo ist deren Schutz und wie sicher ist der wirklich?

Kinder und Chancen auf ihr Recht auf Sicherheit und körperliches und geistiges Unversehrtbleiben: Kinder werden skrupellos falsch beschuldigt. Das führt dazu, dass Kinder glauben, sie trügen die Schuld an ihrem Leid selbst. Genau das macht sie zu chancenlosen Opfern, denn sie nehmen in der Hoffnung, irgendwann doch noch geliebt zu werden, wenn sie nur gut genuge Kinder geworden sind, alles auf sich. Die Erwachsenen haben es dadurch einfach. Es reicht ein wenig erwachsenes Geschick, und schon ist ein Kind zum Lügner degradiert. Ein geschlagenes Kind wird mit ein paar erwachsenen Worten ein DauerdieTreppeRunterfaller. Ein Armbruch beim Fahrradfahren, ein Milzriss beim Fussballspielen, ein Loch im Kopf durch Schusseligkeit an der Schranktür geholt. Es reicht schon ein wenig erwachsene Raffinesse und ein Kind wird aus dem Schutz der Pflegefamilie wieder in das Elternhaus gegeben, auf das es dort erschlagen werden kann.

Und so scheint es mir fast als ein Zeichen, wenn in dem oben genannten Buch über die von Erwachsenen zu Tode gebrachten Kinder berichtet wird. Es ist eben nicht zu widerlegen, wenn ein Kind tot ist – ist es tot. Die Lebenden könnten ja übertreiben – die Hoffnung bleibt der Erwachsenenwelt, deshalb haben die Überlebenden auch keine wirkliche Chance, sie haben eher mal mehr und mal weniger Glück. Und sollten sie eines Tages doch stark genug geworden sein, wenigstens anzuklagen, auf das die Welt aufmerksam werde, auf der überlebenden Kinder Leid, dann ist es verjährt und klingt sowieso übertrieben. Was zu überleben war, kann so schlimm nicht gewesen sein. Kinder sind zusätzlich zur Gefahr der Folter auch noch in der Gefahr, falsch beschuldigt zu werden, sofern sie die Folter überleben. Es reicht schon aus, wenn Erwachsene glaubhaft versichern, das Kind sage nicht die Wahrheit. Das Kind gibt unter dem Druck zu, die Eltern missbeschuldigt zu haben und das Missverständnis der inneren Angelegenheiten der Erwachsenen wird damit ausgeräumt. Der Missklang wird zur Lebensmelodie des Kindes und es wird sich überlegen, ob es nochmal petzt… oder so.

Folter und Falschbeschuldigung  und Vergewaltigung oder Misshandlungen und Missverständnisse und Missbrauch 

Das sind nicht nur austauschbare Worte. Da liegt keine Beliebigkeit der Verwendung vor. Ist in all dieser miss – Vorsilbenwahlen der Worte vielleicht schon die Entschuldigung, die Verharmlosung, die Ablenkung der Erwachsenen enthalten, weil intuitiv erfassbar, dass die Mankos in der Erwachsenenwelt zu der Hilflosigkeit führt, die Kinder zum Punchingball der Familie machen?

Woher kommt die Schuld des einzelnen Erwachsenen? Wäre sie in der realen Bezeichnung -Folter- gar grösser als bei dem im Wortvergleich nur bissele Misshandeln?

Verbietet die Wurzeln der menschlichen Moral und Ethik gar, die erwachsenen Worte für Kinder zu verwenden, weil es unfassbar ist, dass Erwachsene mit Kindern machen, was sie, aus welchen Gründen auch immer, Erwachsenen niemals antun könnten?

Fürs Mittelalter kann es auf die allgemeine Verrohung der Menschen geschoben werden.
Die Nachkriegskinder haben mit ihren Tränen das erlittene Leid der Eltern gelöscht.
Nun leben wir aber in Deutschland schon seit fast 70 Jahren im Frieden.
Ist es nicht an der Zeit, die heutige Welt der Erwachsenen im Wertemassstab der Kinder zu messen.

Nie hat sich die Welt der Kinder rasanter verändert als im 20. Jahrhundert. Gut so. Endlich. Zeitgemäss. Fein. Und doch ist eines unverändert geblieben- seit die Welt als Welt wahrgenommen wird – und ich bin sicher, es wird sich in Ewigkeit erhalten:

Kinder haben eine angeborene Gabe: die reine, bedingungslose Liebe.

Erwachsene lassen sich scheiden, wenn ihre Liebe verlischt. Kinder haben die Hoffnung an die Liebe ihrer Eltern aber in sich – endenlos. Sie denken nicht an Trennung, im Gegenteil, sie halten, aus Hoffnung auf ihrer Eltern Liebe, alles aus. Können sie das irgendwann nicht mehr, sterben sie. Denn Kinder haben nur einen durch nichts ersetzbaren Wunsch, sie wollen von zufriedenen Eltern geliebt werden. Aber es ist nicht der Kinder Verantwortung und schon gar nicht liegt es in der Kinder Fähigkeiten, die Eltern zufrieden zu machen.

Die Gesellschaft baut darauf auch, und wahrscheinlich sogar mit dem Recht auf eigene Erhaltung, denn es ist nicht vorgesehen, dass ehemals überlebt habende Kinder im Erwachsenenalter ihren „ehemaligen“ Peinigern nicht das Alter oder das Kranksein mitfinanzieren müssen. Sicher, sie könnten dagegen klagen, wenn sie denn reden könnten, ihnen geglaubt würde, sie frühzeitig schon was gesagt hätten … Kindern gehört das hätte, wäre, wollte, wenn offenbar zeitlebens. Was, wenn nur 50% der ehemals Gepeinigten als Finanzierer ihrer Eltern ausfielen?

Bei einer angenommenen Prozentzahl von 72 – ist die Vermutung, dass Kinder zum Punchingball der Gesellschaft geworden sind- zumindest naheliegend. Das wird weder durch Elterngeld noch durch KiGa Plätze aufgehalten.

Es muss sich die erwachsene Welt der Erwachsenen so strukturieren, dass sie die Grundlage für das Elternsein in sich birgt: zufriedene Menschen.

Solange das nicht erkannt und entsprechend gehandelt wird, so lange werden Kinder gefoltert. Und es macht mich fassungslos, daran zu denken, wie viele Kinder stündlich gefoltert werden und gefoltert werden werden, seit und so lange es unzufriedene Menschen gibt und geben wird.

Auch wenn es tatsächlich „nur“ Misshandlung wäre, sollte es keinen Erwachsenen trösten.

(ACR)
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