Kreisläufe

Liebe

Liebe

Ich empfinde es als eigenartig: Uns ist bekannt, der menschliche Körper besteht bis zu 70 % aus Wasser, wir unterscheiden zwischen Flüssigkeiten, die in Kreisläufen zirkulieren und denen, die das nicht tun. Wir wissen, wann und woraus und wo und warum Verdauungssäfte, Exkrete, Sekrete und Flüssigkeitsausscheidungen gebildet und ausgeschieden werden. Wir können Blut- und Lymphkreislauf bis in Einzelheiten beschreiben. Wir kennen auch all die Flüssigkeiten, an die wir wahrscheinlich nur denken, wenn sie aktuell „zum Einsatz“ kommen oder „etwas mit uns ist“ und entsprechende Untersuchungen anstehen: Hirnwasser, Tränenflüssigkeit, Muttermilch, Kammerwasser des Auges und vieles, wirklich vieles mehr.
Daraus schlussfolgert die Medizin, und genau das wird uns schon frühzeitig vermittelt, trinkt der Mensch nicht ausreichend, wird er gesundheitliche Schäden davon davontragen. (Absichtlich davon – davon)
Das Ergebnis ist, der Mensch trinkt genug Wasser, Tee und Säfte und gibt die Botschaft weiter.

„Trinkt ausreichend, sonst werdet Ihr krank!“

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Ich finde das richtig und gut, dieses sich gegenseitig darauf Hinweisen: Was tut Dir gut und was nicht.

Und doch: Manchmal denke ich, es gibt einen mindestens ebenso wichtigen Kreislauf, der nicht nur den einzelnen Menschen gesund hält oder im Mangel krank macht, sondern wesentlichen Einfluss hat auf alle Beziehungen zwischen Menschen hat. Frau – Mann – Frau, Kind – Mama – Kind – Papa, Vater – Mutter, Nachbar – Nachbar in Haus, Bus oder beim Warten an der Ampel, Mitschüler, Arbeitskollegen. Mensch zu Mensch eben, überall und grenzenlos und geschlechtsunabhängig.

Der Liebe grenzenloser Kreislauf.

Ich meine damit nicht (nur) diese heisse Welle an Begehrlichkeiten, die den Himmel einstürzen lässt und jeden Fortgang eingefriert, weil es nichts anderes gibt als diese Momente.

Es geht mir eher um die Liebe, die jeder Mensch empfinden möchte und kann, und die auch sofort entsteht, beim Betrachten eines Welpen, eines 3 Tage-Kätzchens oder des ersten Gänseblümchens im Jahr. Dieses gnadenreiche barmherzige Gefühl des Zugehörigsein, das Empfinden tiefer Demut vor dem Augenblick – ist ein herzberührender Moment der Liebe.

Ich möchte ihn auch empfinden dürfen, wenn ich Menschen begegne.

Früher konnte ich darüber lachen und empfand es als beinahe liebenswerten oder wenigstens zu ignorierenden Charakterzug, wollte jemand mich behummsen. Ich habe es unter Nothandlung abgebucht. Wer etwas wollte, was ich hatte, dem habe ich es gegeben, auch wenn er dazu nicht gerade ehrliche Wege beschritten hat.

Heute gebe ich es auch.
Aber ab dem Moment stelle ich den Kontakt ein. Wortlos auf immer.
Ich nehme mir die Freiheit, selbst zu bestimmen, mit wem ich rede.

Früher habe ich es schmerzvoll registriert, obwohl es mich verletzt, wenn mich jemand belügen will. Heute bin ich betroffen und stehe vor der Frage nach dem Warum. Wer mir beispielsweise schreibt, er habe gerade mein Buch heruntergeladen oder bestellt, hat offenbar keine Ahnung, dass die Statistiken von KDP und auch von Createspace aller zwei Stunden aktualisiert werden. Aber warum schreibt mir das jemand überhaupt, wenn er es eh nicht vorhat? Ich habe doch niemanden danach gefragt?

Anonyme Wichtigkeit wofür, weswegen? Ich weiss gar nicht, wie ich auf sowas reagieren soll – ausser mit keiner Reaktion.

Früher habe ich es zwar als unhöflich empfunden, aber immerhin noch lächelnd hingenommen, wenn jemand zwar stundenlang Zeit hatte, um mir seine Probleme zu erzählen oder in endlosen Mails zu beschreiben, aber für mich nur Zeit für einen Zweizeiler zwischendurch oder irgendein Smiley hatte.

Heutzutage schaue ich eine Weile darüber hinweg und trete dann ab.
Ich nehme mir die Freiheit, selbst zu bestimmen, von wem ich mich abwimmeln lasse.

Früher habe ich mich distanziert verhalten, aber gelegentlich doch nachgegeben, wenn sich jemand mit Wichtigkeiten in mein Leben drängte und dann versucht hat, auch noch „die Musik“ zu bestimmen, die gespielt wird. Die ehemals hehren Ziele entpuppten sich bei diesen Menschen dann sofort als Lippenbekenntnisse. Früher habe ich mir das eine Weile gefallen lassen und bin dann abgetreten. Wortlos.

Heute lasse ich niemand mehr in mein Leben drängen.
Ich nehme mir die Freiheit, selbst zu bestimmen, welche „Musik“ ich spiele.

Mir fällt das gelegentlich schwer und oft ist es sogar ausgeschlossen, nachsichtig zu sein. Ich bin „böse“ auf die, die es mir unmöglich machen, sie zu lieben.
Vielleicht bin ich empfindlich durch die Gewalten in meiner Kindheit und Jugend.
Mag sein, ich bin zu alt, um bereitwillig „meine Normen“ zu senken.
Vielleicht macht auch die Tatsache, dass Alter etwas mit Erfahrungen zu tun hat, mich eher starrsinnig denn flexibel.
Vielleicht bin ich auch liebessüchtig, muss aufhören mir vorzustellen, es sei möglich, sinnbildlich die ganze Welt zu umarmen.

Vielleicht sollte ich mehr Zeit damit verbringen, mich zu konditionieren, den Sinn des Lebens allgemein links liegen zu lassen und nur noch an mein Leben zu denken?

Na, Klasse, da schließt sich der Kreis. Der Sinn meines Lebens ist die Liebe zu den Menschen, deshalb stecke ich ja in dem „Dilemma“.

Ich glaube, der Mensch muss ausreichend lieben, sonst wird er krank.

Ich möchte so gerne alle Menschen lieben und muss zu oft, stattdessen, ein Glas Wasser trinken.
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