… zwischen aufgeben wollen und durchhalten müssen und aufgeben müssen und durchhalten wollen …

freudenvoll

 

Im Zeitraffer sieht es aus wie: Was gestern noch leicht gewesen ist, fühlt sich heute schmerzhaft an und ist morgen unmöglich. Ein schleichender Prozess. Oder nur unmerklich, weil er sich langsam vollzieht. Hab‘ nicht darauf geachtet, hab‘ vorwärts gelebt, da fällt es nicht auf. Erinnern ist rückwärts leben, nun bleibt nichts unbemerkt.

Es folgen vernünftige Selbstermahnungen:

„Altes Mädchen, nun beginnt das Langsammachen, das Zipperleinalter. Bedenke das schon gelebte Leben und es braucht kein Wundern über den aktuellen Zustand. Nimm’s wie es ist. Nun liegt die Rechnung des Lebens auf dem Tisch. Bezahl sie. Alt werden ist schön, alt sein wahrscheinlich nicht empfehlenswert. Probier’s aber erst aus. Solange Dir Denken und Schreiben möglich ist, lebst Du in Dir doch ganz formidable.“

Die beinahe schon legendäre innere charlotte-Stimme schaltet sich ein:

„Hey spinnst Du! Dreh den Vernunftshahn zu. Der Blödsinn tropft Dir sonst ins Hirn. Du bist gerade mal 60. Wie vernünftig willst Du mit 70 sein? Schnabeltasse, Dauerwindel oder schon unterirdisches Radieschenerkunden? Vielleicht prüfst Du erstmal was los ist. Ich bin schliesslich auch noch da und – halloooo- ich bin kein Zipperlein. Also Popo hoch und Doktor geh‘!“

Ich bin kein Doktorgehtyp und ich mag diese Doktorgeharien nicht. Termine, Termine, Termine und umso mehr Diagnosemöglichkeiten sich eröffnen, desto durchdringender ist das Leben gestört. Ich habe keine Angst vorm Sterben, aber ich möchte auch nicht ständig mit dem Thema konfrontiert werden. So lange es mir gut gegangen ist, konnte ich meine Sterblichkeit leicht akzeptieren. Plötzlich geht es nicht mehr um Akzeptanz, sondern um solche banalen Wichtigkeiten wie Loslassen üben.

Ich bin diesbezüglich innerlich befriedet, zumindest das hat sich bestätigt. Es ist wie philosophieren, Denkaufgaben lösen, ich bin dabei nie aufgeregt oder traurig, manchmal aber ergriffen. Da haben sich Gedanken freigegraben über Leben und Sterben und Sein und Ewigsein und die Frage, ob’s irgendwann wie ein Niegewesenseinwerden werden wird.

Ich will also grundsätzlich nicht wissen, was mir fehlt oder was ich zu viel habe und warum. Ich kenne nämlich allerhand Krankengeschichten von anderen, in denen beispielsweise alleine die Information, es könne Krebs sein, ganzen Familienverbände hat aufschrecken lassen und seitdem lebt niemand mehr im Frieden. Alle haben Angst, Sorgen, Hoffnung. Und so mancher weiss nicht, wie er mit dem – nun Kranken- umgehen soll. Es gibt Anrufe, die allesamt mit – Wie geht es Dir denn heute?- beginnen und es gibt Besuche, die sich wie Krankenhausbesuche anfühlen, Blumen, Obst, Saft, letzte Befunde durchsprechen. Selbsthilfegruppenadressen aus dem Netz werden überreicht: „Schau mal, da kannst Du Dich informieren, das ist gut, da haben alle das gleiche Schicksal.“ Googleseiten werden ausgedruckt mitgebracht: „Hier ist mal was über Chemo, also da gibt´s schon vieles Neues. Muss also nicht mehr so schlimm werden wie es früher war. Hoffen wir mal. Hoffnung stirb ja zuletzt.“ Allgemeines Zusammenzucken, denn im Beisein des – nun nur noch Kranken- ist das Wort –sterben- natürlich verboten und solche Worte wie Hoffnung unbedingt mehrfach zu verwenden.

Mir ist es eine zusätzliche Last, wenn ich merke, jemand macht sich um mich Sorgen. Dann bin ich beeilt, den anderen sorglos zu machen und das kostet mich Kraft und nimmt mir die Konzentration aufs Wesentliche, nämlich auf mich. Reiner Erhaltungsegoismus, mich nicht zu offenbaren. Also habe ich die Webcam nicht mehr immer beim Telefonieren geschaltet und immer seltener Besuch eingeladen. Und diejenigen, die meine Pein miterlebt haben, weil sie gerade doch vorbeigekommen sind, habe ich versucht zu beruhigen. Die meisten kamen nicht wieder. Sie sind also beruhigt. Niemand kann wahrhaft helfen. Das eigene Leben muss selbst gelebt werden. Das ist auch gut so.

Wenig später: Die Wirklichkeit reisst um, lässt rund um die Uhr nicht mehr los. Schmerzen bohren und schneiden sich durchs Fleisch und unsäglich, ohne Pause, ins Hirn. Meine innere Stimme strampelt dagegen, unentwegt wehrhaft, trotzdem machtlos. Die Schmerzen werden unerträglich, dabei waren sie vorher schon nicht zum Aushalten.

Anfangs habe ich die Büchse der Pandora gar nicht öffnen wollen. Beschwerden mit – um die 60- sind normal, bei meiner Historie sowieso. Ich habe länger gelebt als vorhergesagt, wieso also wundern, wenn´s später nicht weiter reicht als bis hierher. Ich mag Wartezimmer nicht und Doktorfragen und Therapieansätze und Untersuchungsmarathons lehne ich ab. Nennt mich stur oder überheblich – ich kenne mich gut, merke, wann ich in Gefahr bin. Dann ist es auch noch Zeit, wenn ich´s überhaupt mag.

Irgendwann habe ich Gefahr gespürt, war mehr ohnmächtig als ich schlief, konnte nichts essen und so manche Innereien stiegen aus der Dienstverpflichtung aus. Schmerzen machen sich in mir breiter als ich selbst bin und meine Schreie erschrecken mich und ich beginne mich zu verachten. Was habe ich alles schon ausgehalten in meinem Leben und jetzt habe ich nichts, was ich diesem unendlichen Schmerz entgegensetzen kann. Ich nenne mich Napfsülze und meine inner Stimme gibt es auf, sich dagegen zu wehren. Es gibt Momente, da bin ich dem Aufgeben nahe. Angst hatte ich nie. Nur so leben wollte ich keinesfalls länger. Also musste ich erstmal, ich will ja nicht voreilig handeln, den Fachmann fragen, was mit mir los sein könnte. Mit meinem Doktor habe ich höchstes Glück. Er spricht nicht deutsch, dafür aber recht gut englisch und natürlich perfekt ungarisch. Ich spreche perfekt deutsch, dafür nur ganz schlechtes Englisch und so gut wie kein Ungarisch. Na, ganz so ist es nicht, ich verstehe viel mehr als ich selbst sprechen kann, aber aber aber, wenn`s um das Leben geht, bin ich dann schon pingelig und will´s genau verstehen. Die Voraussetzungen sind also bestens, mein Selbstvertrauen ungebrochen: Sprechen wir einfach medizinisches Latein, immerhin habe ich das, wenigstens in den wesentlichen Zügen, gelernt.
Das wäre die perfekte Lösung, wenn nicht fast überall diese ungarischen Endungen angehängt werden würden. Also habe ich daheim alles aufgeschrieben, mit Hilfe von Wörterbüchern ins Englische übersetzt, weil es ins Ungarische schwieriger ist und habe dem Doc immer einen ganzen Brief hingelegt. Er hat gelacht und gesagt, wir sollten später zusammen ein Buch schreiben: „Briefe für meinen Doktor“.

Zwischen Vermutungen und Tests wachsen immer neue Diagnoseansätze. Keiner gefällt mir. Irgendwie weist aber fast jeder in Richtung OP-Tisch. Ich bekomme hoch dosierte Schmerzmittel. Die helfen nur für Stunden. Irgendwann kann der Doktor sie mir nicht mehr geben, sie beeinträchtigen meinen Hormonhaushalt. Dann soll ich Antidepressiva schlucken. Ich will keine Tabletten, die zwar den Schmerz nicht nehmen, aber mein Hirn hinter einen Schleier legen, nach dem Motte: „Das tut zwar dolle weh, aber ich find’s lustig.“
Ich nehme diese Medikamente also nicht, finde aber heraus, Wärme hilft. Ach, was sage ich, Hitze hilft. So heiss es nur möglich ist, mache ich mir Umschläge, verbrenne meine Haut und habe doch für Momente Linderung.

Es gibt Tage, an denen ich mich lauter schreien höre als ich je gesungen habe. Manchmal fehlt mein linkes Bein komplett, manchmal brennt es wie Feuer, manchmal ist es als wäre es an elektrische Leitungen angeschlossen und der Strom im Sekundentakt hochgedreht. Gleiches rund um den Brustkorb. Dann kann ich nicht ausatmen. Es ist wie Ersticken auf Raten. Ich schreie den Atem aus mir heraus und bin verzweifelt darüber, immer neu einatmen zu müssen. Arme, Rücken, Beine, Schultern, Füsse. Abwechselnd ist nichts davon meins und doch quält es mich. Vor allem meine immer umfassender werdende Immobilität macht mich malade. Schmerz wischt Gedanken matt. Ich mühe mich um Denkenden, an die ich neues Denken tackern kann. Alles ist anders, wenn der Körper nicht heile ist. Die Frage, wie ich den Weg zum Klo schaffe, beschäftigt mich mehr als eine Antwort auf die Frage des Seins. Wenn es soweit ist, denke ich nicht mal mehr das schöne Wort Toilette, sondern jammere: Ich muss schon wieder, so ein Mist aber auch.

Ich lerne, Jammern zuzulassen. Immer öfter schaffe ich es ohne Wehklage nicht. Verzweiflung mischt sich in mein Leben und es ist mir egal, wie es klingt, wenn ich mich in Lamentieren fallen lasse. Ich muss die Schmerzen leben, also lebe ich sie ganz. Dazu gehört neben Zähne zusammenbeissen und aushalten auch jammern. Das ist dünnes Eis, wird schnell zum Bedauern, wird schnell zur Entschuldigung für alles. Ich muss auf mich aufpassen, will mich nicht verlieren, halte mühsam aber eifrig die Struktur meines Lebens aufrecht. Morgen, Mittag, Abend, Nacht, der Unterschied zwischen Wochentag und Wochenende. Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Frühling, Sommer … ich spüre mein langsames Allewerden. Nicht das dramatisch feierliche Verlöschen, sondern schlichtweg das Verbrauchtsein, das bis zur Neige mitgemacht und nun aufgebraucht sein. An keinem Tag geht es mir ums Warum, aber ich denke immer mehr über das Wofür nach.

Schreiben. Ja fürs Schreiben. Die Muse für meinen grossen Roman habe ich nicht. Ich habe Aussetzer, manchmal kommen mir die Buchstaben durcheinander. Gelegentlich weiss ich nicht, wie sich ein einfaches Wort schreibt. Das macht mir Sorgen. Mache mir Notizen, falls ich mal morgens aufwache und nicht mehr weiss, wer ich bin, denke an Alzheimer und schiebe es letztendlich doch auf die innere Zerstückelung jedes Gedankens – durch den fast nicht mehr aufzuhaltenden Schmerz. Denken kann ich noch ganz klar. Ich mache Denkübungen, fülle IQ- Tests aus. Altes Mädel ist noch ganz fitt im Kopf.

Meine innere Stimme rüttelt trotzdem täglich an mir: „Disziplin charlotte! Lass Dich nicht hängen. DU musst Dich selbst versorgen können. Achte auf Dich. Gut, lass die Blumen im Haar weg, aber frisiere Dich. Trage von mir aus keine Schuhchen mehr, aber laufe jede Stunde ein paar Schritte. Iss etwas, auch wenn Du nicht weisst, ob Du es verträgst. Trinke, trinke, trinke. Fahre regelmässig zur Massage. Mach. Tu. Lass Dich nicht verwahrlosen, nicht innerlich, nicht äusserlich. Denke. Schreibe. Verliere Dich nicht.“

Manchmal schminke ich mir die blassen Lippen rot. Meine Nägel lasse ich nicht mehr machen, ich feile sie so kurz es möglich ist. Ich trage Mütze, Hut oder Tuch bis es unausweichlich nötig ist, die Haare zu färben. Meine innere Stimme lässt nicht locker und an machen Tagen schreie ich ihr entgegen – was sie mich mal kann – und schleppe mich dann doch einmal ums Haus. Todessehnsucht mischt sich in Kraftlosigkeit. Oder ist es nur die Kraftlosigkeit, die sich so müde anfühlt, dass ich mich danach sehne, nicht mehr aushalten zu müssen.

Wirklich gute Freunde, die mich schreien hörten und beobachten, wie der Schmerz Zeichen in mein Gesicht gräbt, sagen etwas von Kämpfen und Durchhalten und Hoffen und Glauben und wünschen mir …

Ich denke über das Kämpfen nach.
Kämpfe ich?
Ich mache nichts anderes als sonst, ich lebe, werde aber dabei durch diese unglaublichen Schmerzen gestört. Ich halte lediglich aus, was sollte ich sonst auch tun. Durchhalten hat in dem Fall keine Alternative. Ist schreien kämpfen, ist weinen kämpfen. Kämpfen ist, etwas gegen etwas unternehmen. Ich unternehme nichts gegen den Schmerz, weil ich gar keine Möglichkeit dazu habe.

Ich schreibe nicht gegen Schmerzen an, sondern ich schaffe es mit viel Mühe, und Disziplin bis zur Selbstverdammnis, wenigstens meine Kurzgeschichten fertig zu bekommen. Die Arbeit am Cover verlangt mir Geduld ab. Ich bearbeite fast jeden Schmetterling einzeln. Das erinnert mich an meine Arztbesuche, alles beginnt immer von Neuem, immer anders und doch gleich.

Schmerz rechnet sich in der Masseinheit Zeit und tropft in die Schale des Wahnsinns.
Monate rückwärts zählen: Nun sind es schon 3 Monate Aushalten. Dann Wochen vorwärts zählen: In 4 Wochen habe ich den nächsten Untersuchungstermin. Dann Monate rückwärts zählen: Nun ist es schon ein halbes Jahr. Dann Wochen vorwärts zählen: In 8 Wochen habe ich einen Untersuchungstermin. Dann Monate rückwärts zählen: Nun ist es schon ein ganzes Jahr. Und so weiter und so fort. Nicht wichtig, wie oft insgesamt. Zu oft jedenfalls. Trotzdem bin ich beschenkt, ich habe Wartezeiten weit unter dem Durchschnitt. Mein Doktor ist mein Held.

Nach solchen Verdachtsmomenten wie Nebennierentumor und anderen „Daswarsdanndochnicht“, die mein wirklich grossartiger Doktor immer als Glück umschreibt, wenn ich sie nicht habe, will ich den Namen von dem, was mich quält nicht mehr wissen. Ich will, dass es aufhört. Keine Untersuchungen mehr, es sind nun alle Baustellen gefunden, ich will keine absperren, ich lebe mit ihnen. Was meine Schmerzen angeht und die damit verbundene Immobilität – habe ich mir eine imaginäre Grenze gegeben, die ich beachten will. Ist das meine Gesamtaussicht aufs Restleben, werde ich den Rest nicht zu ende leben. Nur ich kenne die zeitliche Grenze. Sie ist grosszügig – in Bezug aufs Leben. Ich bin nicht leichtsinnig und bilde mir ein, noch allerhand geben zu können- ans Leben. Aber ich bin dann doch nicht so eingebildet, das auch unbedingt erzwingen zu wollen.

Endlich habe ich alles fertig, lade meine Geschichten als eBook hoch und freue mich wie ein Kind. Es finden sich genau vier Käufer. Ich bin zu unbekannt. Dann verschenke ich es als kostenloses eBook anlässlich meines Geburtstags und innerhalb von achtundvierzig Stunden laden es sich 4000 kostenlos herunter.
Kranksein macht nicht gerechter und so komme ich mir ein paar Tage zwar nicht unbekannt – aber immerhin wertlos vor.

Es ist länger gelebt als beschrieben und das Ticken der Lebensuhr ist lauter als das Geräusch der Anschläge auf der Tastatur. Wieder rapple ich mich hoch und denke darüber nach, wer meinen Wert wohl bestimmt. Meine innere Stimme jubelt mir Frechheiten ins Ohr und ich setze mich aufrecht in die ersten Sonnenstrahlen und stütze mich auf die gerade neu erworbene Krücke. Ich wollte immer schon wissen, wie es ist durch einen Fleischwolf gejagt zu werden.

Kurz davor, noch im Dezember der Verdacht, meine Wirbelsäule sei nicht mehr ganz so auf der Höhe meines Alters, sondern weit vorneweg in der Zeit, nämlich stückweise nur noch gut fürs Wegwerfen, wird Anfang des Jahres fachärztlich bestätigt und die Aussicht auf einen OP- Tischplatz ist mir gewiss, so ich denn ja dazu sage. Welche Frage. Im Stehen werden die mich kaum operieren. Ich verspreche still zu liegen und unterschreibe alles.

Genau hier geht´s später weiter …

.
.
Blog Top Liste - by TopBlogs.deBlogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.deBlogverzeichnisBlogverzeichnis.

Dieser Beitrag wurde unter Menschengeschichten, Veröffentlichungen abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.